Unter den merkwürdigen Sportarten ist Skispringen sicherlich eine der merkwürdigsten. Weitestgehend ausgewachsene Männer steigen auf breite, dicke Ski, zwängen sich in leuchtend-grelle Outfits und hüpfen von wahnwitzig hohen Schanzen in die Tiefe - immer in der Hoffnung, dass von zwei möglichen Szenarien das erste eintritt. Szenario eins: Anfahrt, Absprung, Landung. Szenario zwei: Anfahrt, Absprung, Windböe, Krankenhaus.
In Anbetracht der Tatsache, dass sich Szenario zwei öfters ereignet als mancher Notfallchirurgie in der Nähe von Skiprungschanzen lieb sein kann, ist verwunderlich, warum dieser Sport immer wieder Nachwuchs findet, ja regelrecht boomt. Denn eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund dort hoch zu gehen, dort hoch zur Schanze. Es sei denn man ist süchtig - und zwar nach Adrenalin.
Skispringen ist der ultimative Kick - früher Gladiator oder Bomberpilot, heute Skispringer. Das ist der Knackpunkt. Diese Mischung aus Waghalsigkeit, Todesverachtung und Heldenmut begeistert die Massen. Die Vierschanzentournee, der Grand Slam des Skispringens, hat Einschaltquoten, von denen Tennisturniere oder Basketballspiele (in Deutschland zumindest) nur träumen können.
Die Faszination des Skispringens liegt sicherlich auch an den wunderbar verschrobenen Gestalten, die ohne Angst und ohne Furcht von Schanzen in Garmisch, Innsbruck, Oberstdorf oder Bischofshofen gen Zuschauertribüne segeln. Um ihre optische, ihre telegene Wirkung kümmern sich erfreulich wenige Springer. Schnauzbärte und schneidige Mantafahrerfrisuren sind weiterhin en vogue.
Außerdem hört man fast allen deutsch sprechenden Springer ihre Herkunft bereits nach drei Sätzen an, denn es wird noch Dialekt gesprochen. Irgendwie ein gutes Zeichen, vielleicht eines dafür, dass der Sport noch nicht restlos durchkommerzialisiert ist. Skispringer, das sind die Buben von nebenan - nur verrückter, nur besessener.
Schlimm wird es für die Buben nur, wenn sie nicht mehr springen dürfen, weil jede Sportlerkarriere irgendwann zu Ende geht. Dann fehlt der Kick, das Adrenalin. Nicht jeder schafft dann einen letzten, geschmeidigen Absprung. Dem legendären Springer der 1980er Jahre, Matti Nykänen, machte der Alkohol zu schaffen.
Sven Hannawald sein burn-out-Syndrom. Noch heute - Jahre nach seinem letzten Satz in die Tiefe - beklagt der Deutsche ein Gefühl der Leere und des Ausgebranntseins. Jeder Sprung vom Schanzentisch, jeder Adrenalinstoß, jeder Wettkampftag scheint den Sportler so einzunehmen, dass ein Leben ohne diesen Wahnsinn wahnsinnig fad erscheint.
Um wenigstens noch ein wenig Wettkampfluft zu schnuppern, ist Hannawald neuerdings Vierschanzentournee-Experte bei den Öffentlich-Rechtlichen. Während der 33-Jährige zu erklären versucht, warum es ein Erfolg für die deutschen Springer Martin Schmitt und Michael Neumayer ist, wieder einigermaßen den Anschluss an die Weltspitze gepackt zu haben, sorgt ein anderer Athlet für Furore.
Thomas Morgenstern (21) aus Österreich hat das erste Springen in Oberstdorf mit überragendem Vorsprung vor seinem Landsmann Gregor Schlierenzauer für sich entschieden, und beste Chancen, seiner Favoritenrolle gerecht zu werden und womöglich sogar alle vier Sprungwettbewerbe der Tournee für sich zu entscheiden. Das gelang bisher lediglich Sven Hannawald im von Legenden umrankten Winter 2001/2002.
Es könnte klappen für den Österreicher. Allerdings nur, wenn Szenario zwei nicht eintritt.