Im Fall Natascha Kampusch gerät nun erstmals Ernst H., ein Freund des Entführers Wolfgang Priklopil, erstmals ins Visier der Staatsanwaltschaft, welche die Ermittlungen wegen vorigen Fehlern erneut aufgenommen hat. Ernst H. gab nun in einer Vernehmung am Wochenende erstmalig an, dass Priklopil ihn kurz vor seinem Selbstmord aufgesucht und hier die Entführung „gebeichtet“ habe. Daher verfüge er über Insiderwissen, das zu Widersprüchen in seinen vorhergehenden Aussagen geführt habe.
Nach Angaben seines Anwalts Manfred Ainedter habe Ernst H. diesen Sachverhalt über drei Jahre lang verschwiegen, da er "Angst hatte, mit hineingezogen zu werden". Ernst H. drohe nun vermutlich eine Anklage wegen Beihilfe zum Selbstmord, die nach seiner Ansicht jedoch eingestellt werde. Laut Ainedter sei hiermit aber auch die Mittäter-Theorie "vom Tisch".
Auch Natascha Kampusch äußerte sich am gestrigen Montag in einem Fernsehinterview mit dem ORF zu den jüngsten Entwicklungen. Sie bestätigte, dass sie Ernst H. tatsächlich noch während ihrer Gefangenschaft kennengelernt habe. Sie habe ihn dabei aber nie als Mitwisser wahrgenommen. Stattdessen habe es "einmal zu einem Händereichen, für einen kurzen Handgruß gereicht".
Sie begrüßte zwar, dass die Ermittlungen neu aufgenommen wurden, wiederholte jedoch, dass Priklopil bei der Entführung 1998 allein gewesen sei. Sie wisse nicht, ob es noch einen weiteren Täter gebe oder nicht. Sie habe nur Priklopil gesehen. "Ich bin der Meinung, dass der Fall nie ganz aufgeklärt werden kann."
Das Opfer dementierte ebenfalls Gerüchte um Filme, die angeblich ihren Missbrauch durch den Entführer zeigten und von einer dritten Person aufgenommen wurden. Ein Zeuge aus Deutschland, der allerdings als höchst fragwürdig eingestuft wird, führte diese Videos als Beweis für einen weiteren Mittäter an und belastete Ernst H. auf diese Weise ebenfalls. Der Zeuge hat die Filme jedoch bislang nicht vorgelegt, eine Hausdurchsuchung brachte noch keine Ergebnisse.
Natascha Kampusch wurde im Jahr 1998 im Alter von zehn Jahren auf dem Schulweg entführt. Über acht Jahre hielt sie der Täter Wolfang Priklopil anschließend in einem Keller gefangen. Als ihr im Jahr 2006 die Flucht gelang, nahm sich ihr Peiniger offensichtlich nach seiner Beichte bei einem Freund das Leben.
Eine Untersuchungskommission hatte Fehler in den Ermittlungen festgestellt und Zweifel an der Einzeltäter-Theorie zum Ausdruck gebracht, woraufhin das Verfahren erneut eingeleitet werden musste. (jka)