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12.12.2005WTO-Chef Pascal Lamy im Porträt

Der Unterhändler

Seit Anfang September hat der ehemalige EU-Mann Gelegenheit, sein legendäres Geschick unter Beweis zu stellen: als WTO-Chef. Das wird auch dringend gebraucht. Denn die aktuell laufende Welthandelsrunde droht, in einer Sackgasse zu enden.

"Feudal und mittelalterlich" sei die Welthandelsorganisation, schimpfte der damalige europäische Handelskommissar Pascal Lamy, als 2003 die Verhandlungen auf dem WHO-Gipfel im mexikanischen Cancún gescheitert waren. Hinter dem Zorn stand eine persönliche Niederlage: Er hatte zu hoch gepokert. Seit dem 1. September ist der "eiserne Unterhändler" nun selber Generaldirektor der in Genf ansässigen Organisation. Die "mittelalterlichen Strukturen" jedoch will er erst nach dem Hongkonger Gipfel im Dezember angehen. Bis dahin steht wichtigeres an. 

"Amerikaner und Europäer müssen in ein paar Punkten nachgeben, sonst bleibt alles blockiert". Auf seiner ersten Pressekonferenz in neuer Funktion, am 14. September, ritt er auf seinem Steckenpferd und las dabei den beiden Agrarsubventionsgiganten die Leviten: Ohne einen Minimalkonsens über einen Zeitplan zum Abbau dieser Subventionen, vor allen Dingen derer zum Export, würden die festgefahrenen WHO-Verhandlungen auch in Hongkong kaum wieder in Bewegung kommen. Und dann lägen da auch noch die Akten "Zolltarife für Industrieprodukte" und "Liberalisierung des Dienstleistungssektors" auf seinem Schreibtisch. 

Den Karren wieder wettmachen 

"Erste, zweite und dritte Priorität: Die Verhandlungen der Doha-Runde wieder anschieben." Mit einem konzisen Wahlprogramm hatte sich der 57-jährige Franzose im Januar um die Nachfolge des ausscheidenden Thailänders Supachai Panitchpakdi beworben. Anders gesagt: Programm ist, jenen Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, den er selbst dort (mit-) hineingesetzt hat. 

Denn dass die Doha-Entwicklungs-Agenda in Cancún scheiterte, das ist maßgeblich der harten Position der westlichen Delegationen anzulasten. Und dem europäischen Verhandlungsführer: Pascal Lamy. Eigentlich stand bereits seit 2001 der Abbau jener Subventionen, mit denen die reichen Länder ihre Landwirtschaft auf dem Weltmarkt bezuschussen, auf der Tagesordnung. Gemeinsam mit seinem persönlichen Freund, dem amerikanischen Vertreter Robert Zoellick, versuchte Lamy nachträglich Investitionsschutz-Regeln zugunsten westlicher Konzerne auf die Agenda zu drücken. Denn wenn auch der freie Handel sein Credo ist, zäh ausgehandelte Kompromisse rangieren ebenso hoch in seiner Wertschätzung. 

Doch weder an taktisches Geschick noch an ernsthaften Widerstand seitens der armen Länder gewöhnt, stießen Lamy und Zoellick auf eine unerwartet solide Phalanx an Entwicklungsländern, von Brasilien, Indien und China angeführt, die nun ebenso unnachgiebig auf ihre Interessen pochte – bis die Verhandlungen abgebrochen wurden. 

Alle gegen alle 

In seiner neuen Rolle als WTO-Chef muss Lamy nun genau hier für Ausgleich sorgen: Auf der einen Seite ziehen die Amerikaner, allen voran Präsident Bush, der auf dem UNO-Gipfel in New York erneut ankündigte, Agrarsubventionen zurückzufahren – von dem aber kaum jemand glaubt, dass er bei bröckelnden Umfragewerten die solide Wählerbasis der Baumwollpflanzer im Mittelwesten preisgäbe. Auf der anderen Seite China, das ganz allein zum global player wird, und die Phalanx von 2003 gar nicht mehr nötig hat, um auf sein Hauptanliegen zu pochen: alle Handelshindernisse runter!

Vhina agiert jedoch mit Rückendeckung der Cairn-Gruppe der Großagrarexporteure um Australien und Argentinien, aber auch seitens Indien, das sich ebenso zu emanzipieren beginnt. Nicht weit von der Position der USA entfernt: die EU – heillos zerstritten zwischen Tony Blair, der Subventionsabbau fordert, und Jacques Chirac, der auf kein Thema allergischer reagiert.

Genau 100 Tage bleiben Lamy noch, bis Mitte Dezember den Wust widersprüchlicher Interessen der 148 beteiligten Staaten auszutarieren um die Doha-Runde in Hongkong wieder anzuschieben. Doch gerade unter Druck läuft der studierte Wirtschafts-, Rechts- und Politikwissenschafter zur Höchstform auf. Zumal nun Verhandlungsleidenschaft und persönliche Herausforderung Hand in Hand gehen. 

Dem Reiz, unermüdlich hinter den Kulissen Fäden zu ziehen und bis tief in die Nacht um Fußnoten zu ringen, die dann zu millionenschweren Handelsvorteilen werden, ist er schrittweise erlegen: Fünf Jahre war er in der Kommission Prodi für den Außenhandel zuständig. 1981 begann seine politische Karriere als Berater des damaligen französischen Finanzministers Jacques Delors. Als dieser Kommissionspräsident wurde, wechselte Lamy ebenfalls in die Kommission. Auch in seinen fünf Jahren außerhalb der Politik ging es um's Schachern: von 1994 bis 1999 war er bei der Großbank Crédit Lyonnais für Restrukturierung und Privatisierung verantwortlich. 

Auf dem Viehmarkt der Widersprüche 

"Letztlich", so erklärte er unlängst der Zeitung Le Monde, "funktionieren auch internationale Handelsrunden wie der Kuhhandel: Entweder man schlägt ein oder nicht, wie auf dem Viehmarkt." Oft haben seine Verhandlungsgegner am Ende eingeschlagen, wenn er – damals – als Handelskommissar die bis in die EU hinein kritisierten französischen Agrarsubventionen auf internationalem Parkett verteidigte. Selbst seine Wahl, so munkeln böse Zungen, sei das Ergebnis eines Kuhhandels: Damit die Europäer Paul Wolfowitz durchwinkten, den amerikanischen Architekten des Irak-Kriegs, der für den Weltbank-Vorsitz kandidierte, überliessen die Amerikaner dem Franzosen Lamy den WTO Posten. 

Pascal Lamy ist Anhänger der französischen Sozialistischen Partei, darin jedoch als Liberalisierungsfalke verschrieen; er ist Franzose, und dennoch Bewunderer "der viel zivilisierteren nördlichen Länder"; man nennt ihn einen harten Unterhändler, und doch auch Vorreiter von Kompromisslösungen; er hat den Ruf, seinem jeweiligen Brötchengeber gegenüber loyal zu sein, und gleichzeitig hart in seinem heutigen Kampf gegen die Agrarsubventionen seines ehemaligen: der französischen Regierung.

Sollte er zu seinem legendären Verhandlungsgeschick zurückfinden, krönt Pascal Lamy vielleicht bereits im Dezember seine Karriere mit einem neuen Widerspruch: Dolchstoß-Versetzer - und gleichzeitig Retter der Welthandelsorganisation.

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