Wie das Nachrichtenmagazin 'Der Spiegel' berichtete, haben fälschlicherweise mehrere Krankenkassen geschätzte 160 Millionen Euro aus dem Gesundheitsfonds erhalten, weil die Praxis-Software Patienten automatisch eine Codierziffer für HIV-Infizierte zugewiesen hat.
Der sprunghafte Anstieg der HIV-Infizierten in der letzten Zeit sowie die Millionenzuweisungen aus dem Gesundheitsfonds sind auf einen Software-Fehler zurückzuführen. Bei der Hanseatischen Krankenkasse (HEK) waren auf diese Weise laut System plötzlich 84 Versicherte, das sind 15 Prozent der HIV-Infizierten in der Kasse, an der Immunschwächekrabkheit 'erkrankt'. Anschließend konnte auch die Siemens Betriebskrankenkasse 38 Versicherte im Alter über 70 feststellen, die offenbar durch den Fehler auf einmal HIV-positiv waren.
Der Gesundheitsfonds unterstützt die Krankenkassen mit 10.000 Euro für jeden HIV-Infizierten pro Jahr. Abrechnungsexperten wunderten sich, dass nahezu alle neuinfizierten Aids-Kranken deutlich älter als 65 Jahre alt waren und ausschließlich auf Diagnosen von Augenärzten beruhten. Sie hatten einen sprunghaften Anstieg bei HIV-Erkrankungen ausgemacht, und waren stutzig geworden. Sogar die über 80 Jahre alte Mutter eines Krankenkassenmanager soll darunter gewesen sein, weswegen es dem Mann erstmal die Sprache verschlug.
Die Software, die bei Augenärzten sehr verbreitet ist, hatte den Patienten fälschlicherweise automatisch die Codierziffer 'B23.8' zugewiesen, die für 'Sonstige näher bezeichnete Krankheitszustände infolge HIV-Krankheit' steht. Weil die Diagnose vollautomatisch an die Kassenärtlichen Vereinigungen übertragen wurde, und diese den Code dann an das Bundesversicherungsamt und den Gesundheitsfonds weiterreichten, konnten sich alle gesetzlichen Krankenkassen insgesamt über vermutlich 160 Millionen Euro aus dem Gesundheitsfonds freuen, so ein Sprecher der HEK. Bundesweit dürfte es nun durch den Fehler um die 10.000 fiktive HIV-Patienten geben.
Der betroffene Software-Hersteller erklärte, die fehlerhaften Einschätzungen beruhten auf einem "Anwendungsfehler" der Ärzte, der seit Anfang des zweiten Quartals dieses Jahres behoben worden sei. Ob jedoch in den Augenarzt-Praxen völlig Ahnungslose weiterhin als HIV-Patienten geführt werden, kann keiner mit Genauigkeit sagen. Gegenüber dem 'Spiegel' erklärte der Chef einer großen Krankenkasse: "Eigentlich müssten wir allen unseren Versicherten raten, selbst beim Augenarzt nachzufragen."
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Dennoch könnte der HIV-Skandal nur die Spitze des Eisbergs sein. Einem AOK-Fachmann zufolge soll die Güte der Codierungen von Krankheiten, um an die Mittel des Gesundheitsfonds zu kommen, "fast durchweg lausig" sein. Ein Vertreter des Bundesversicherungsamtes pflichtet ihm gegenüber des Nachrichtenmagazins bei: "Normalerweise fällt der Pfusch doch garn nicht auf." Es scheint also, als ob nur die besondere Auffälligkeit von HIV diesen einen, 160 Millionen schweren Fall hat auffliegen lassen. (mme/mso)