01_aktion_300x300
Bildgalerie
Robert Pattinson und Kristen Stewart in 'Twilight Eclipse': Ewiger Treueschwur
Highlights der Woche (KW 20)
Diese Seite DruckenDiese Seite weiterempfehlen
StartseiteDealsPlayersKopftuchverbot in Frankreich

15.11.2004Kopftuchverbot in Frankreich

Rigidität statt Flexibilität

In unseren modernen, heterogenen Gesellschaften können nicht alle über einen Kamm geschert werden. Nicht Prinzipienreiterei, sondern Flexibilität sollte das Gebot der Stunde sein. Andernfalls verhärten sich die Fronten.

Hätte die politische Elite Frankreichs einen schnellen Blick in ihre Goethe-Basislektüre geworfen, wäre dies vielleicht nicht passiert. Dort hätten sie nachlesen können, was geschieht, wenn man Geister ruft und nicht mehr los wird. Aber sie zogen es vor, Härte zu demonstrieren, Konsequenz zu beweisen und klare Richtlinien zu schaffen, wo früher der Nebel der Auslegbarkeit Flexibilität ermöglichte. Und nun sind sie da, die Geister des neuen Gesetzes, das religiöse Zeichen in staatlichen Schulen verbietet, und weit und breit lässt sich kein Meister blicken, der sie wieder einfangen könnte.

Dass die Konsequenzen in so dramatischer Weise ans grelle Licht der Weltöffentlichkeit gezerrt wurden, gehört zu den neuen Leiden der Politik in der globalisierten Welt. Das Schicksal der beiden französischen Journalisten, die im Irak gefangen gehalten werden, und die vielleicht mit ihrem Leben, sicherlich aber mit ihrer psychischen und physischen Gesundheit für eine politische Entscheidung bezahlen werden, ist schrecklich, darf aber bei aller Sorge nicht von einer Erkenntnis ablenken, die sich auch die Bundes- und Landesregierungen im regulierungswütigen Deutschland durch den Kopf gehen lassen sollten: Nicht jeder gesellschaftliche Konflikt lässt sich durch Gesetze regeln. Nicht jeder Streit verliert durch eine klare Richtlinie an Schärfe. Manchmal ist ein Interpretationsspielraum besser als das Machtwort, das keine Fragen offen lässt.  

Heilige Prinzipien auf beiden Seiten 

Der Laizismus ist den Franzosen ein heiliges Prinzip. Die vollkommene, konsequente und unverhandelbare Trennung von Religion und Staat ist die Errungenschaft eines Kampfes zwischen Royalisten und Republikanern, der über hundert Jahre lang mit unvergleichlicher Leidenschaft geführt wurde. Ein entscheidender Akteur in dieser Schlacht um System und Macht war die katholische Kirche, die vehement das Ancien Régime verteidigte. Man stelle sich vor: In einer Zeit, in der es kein Fernsehen, kein Radio gab, und die wenigsten Menschen lesen konnten, hatte eine Partei die Macht, ihre Politik jeden Sonntag von den Kanzeln herab in die kleinsten Dörfer zu tragen. Kein Wunder, dass die Entmachtung dieses mächtigen Spielers zur Schlüsselfrage wurde.  

Als die Republikaner schließlich Anfang des 20. Jahrhunderts Oberwasser gewannen, kam es zum totalen Bruch zwischen staatlichen und kirchlichen Institutionen. Das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat von 1909 enteignete die katholische Kirche, kappte jede finanzielle Verbindung, verscheuchte sie aus den Schulen und drängte sie aus dem öffentlichen Leben in die Privatsphäre der Bürger. Seitdem wurde Generationen von französischen Schülern eingebläut, dass Religion der Sargnagel der Republik sei, das Ende von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit.  

Damit mauerte man der Staatsform ein festes Fundament, an dem lange Zeit keiner zu rütteln suchte. Doch die Ströme der islamischen Einwanderer wirkten wie ein steter Wasserzufluss. Anfänglich unbedeutend, ist ihre Masse heute groß genug, dass ein leichtes Kräuseln an der Wasseroberfläche in den oberen Etagen des Gebäudes Französische Republik als Erschütterung wahrgenommen wird und die Panik ist groß. Dass es muslimische Einwanderer sind, ist ein Zufall der Geschichte. Die französische ist, wie alle europäischen Gesellschaften heterogener geworden. Viele Einwanderergruppen bringen eine Kultur mit, die sich in Grundsätzen von der französischen unterscheidet. Die Rolle der Religion ist nur ein Beispiel und die muslimische Gemeinschaft ist nicht die einzige, die sich am Laizismus stößt. Aber sie ist die größte. 

Alles geregelt, aber nichts gelöst 

Die erste Kopftuch-Affaire erschütterte 1989 Frankreich. Und seitdem erhitzen immer wieder jene vereinzelten Mädchen die öffentliche Debatte, die sich weigern, ihr Kopftuch in der Schule abzulegen. Ein Detail wird dabei gerne übersehen. In vielen französischen Schulen gab es immer wieder Kopftuch tragende Mädchen, ohne dass es diese Fälle auf die ersten Seiten der überregionalen Presse geschafft hätten. Umsichtige Schulleiter und kooperationsbereite Eltern fanden praktikable Lösungen, mit denen beide Seiten leben konnten. Zur Eskalation kam es nur, wenn kein Gespräch möglich schien, wenn sich die Beteiligten auf ihre Prinzipien zurückzogen, wie auf Trutzburgen, sich belauerten, sich belagerten, sich aber nicht rührten.  

Leider drangen die gütlichen Einigungen nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Dafür konnte das Geschrei der Konfliktparteien keiner überhören. Immer lauter wurde der Ruf nach einer klaren Regelung von staatlicher Seite und die weltpolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre wirkten als Verstärker dieser Forderung. Nun hat die französische Regierung reagiert. Das Gesetz gegen religiöse Zeichen an staatlichen Schulen lässt keine Fragen offen und macht kluge, gütliche, individuelle Lösungen unmöglich. Wenn heterogene Gesellschaften Flexibilität brauchen, damit verschiedenste Gruppen miteinander leben können, dann war dies ein Schritt in die falsche Richtung. Bleibt zu hoffen, dass aus den klaren Richtlinien keine klaren Konfliktlinien werden. Vielleicht haben die irakischen Entführer in dieser Hinsicht der französischen Politik paradoxerweise einen Dienst erwiesen. Die Franzosen, egal welcher Religion, werten die Geiselnahme als einen Angriff von Außen. Was könnte sie besser zusammenschweißen?

Neuen Kommentar schreiben Leser-Kommentar (0)