Die internationalen Pressestimmen schauen gebannt auf das heutige WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien. Während von Knipser Miroslav Klose erwartet wird, dass er Jagd auf den Tor-Rekord von Brasilien-Altstar Ronaldo macht, sorgt eine ominöse Krake für Verunsicherung bei den Fans.
Spannung in Reinstform: Europas Pressestimmen erwarten beim WM-Halbfinale Deutschland-Spanien ein Spitzenspiel - und schauen dennoch wie gebannt auf eine Krake.
Die DFB-Elf gilt zwar nach den klaren Siegen gegen England (4:1) und Argentinien (4:0) als Favorit, muss aber gegen die einhellig als brandgefährlich eingestuften Spanier auf Shooting Star Thomas Müller verzichten. Zu allem Überdruß hat auch noch Paul, die Krake, Deutschland ein Debakel vorausgesagt - was dem allgemeinen Stimmungshoch jedoch keinen Abbruch tut.
Stellvertretend für viele internationalen Pressestimmen titelt die 'Gazzetta dello Sport' aus Mailand: "Deutschland-Spanien. Genießen wir die beiden schönsten Teams. Auch wenn Paul die Krake den Deutschen Angst macht: Diesmal prophezeit er den Spaniern den Sieg. Zwischen Miroslav Klose und David Villa kommt es derweil zum Tor-Duell."
Amüsiert betrachtet das rosafarbene Blatt den folkloristisch anmutenden Aberglauben: "Das Orakel der Meere hat sich diesmal auf seine Weise für Spanien ausgesprochen, und die deutschen Fans in Angst und Schrecken versetzt, die so ihre bis dato völlig unbekannte neapolitanische Ader offenbart haben." Rein fußballerisch betrachtet sieht die 'Gazzetta' hingegen im Mittelfeld die Entscheidung heraufdämmern: "Schweinsteiger ist der Leuchtturm der Deutschen, Iniesta das Scharnier der Spanier: Der Final-Einzug liegt in ihren Händen."
Doch auch ein weiteres Duell der Extraklasse fasziniert die Italiener: "David Villa und Miroslav Klose sind die Hauptakteure diese Revanche für das Endspiel von 2008. Während ersterer um die Krone als Torschützenjäher antritt, will zweiterer Ronaldos 15 Treffer in drei WM-Turnieren überflügeln."
'Tuttosport' aus Turin sieht das genauso, und titelt: "Klose und Villa, Tor-Gala. Zwei Knipser beleben das Spiel." Im Fließtext sieht die Tageszeitung aber auch einen Generationenkonflikt am Werk: "Hier stehen sich die Talente zweier Generationen Auge in Auge. Eine deutsche, die sich auf der Weltbühne plötzlich aufgedrängt hat und noch zehn Jahre wird mithalten können. Und eine spanische, die zum letzten Mal die Gelegenheit hat, das zu schaffen, was Spanien noch nie erreicht hat - den Fußballthron zu erklimmen."
Im Rückblick kann das Urteil des Juve-nahen Blattes Deutschland nur schmeicheln: "Deutschland war eine der unbekannten Variablen dieser WM, aber seine Leistungen haben sogar alle optimistischen Erwartungen der eigenen Anhänger übertroffen. Die Mannschaft von Joachim Löw hat seit der Qualifikationsphase durchgängig den besten Fußball präsentiert."
Der 'Corriere dello Sport' aus Rom hat hingegen bei beiden Mannschaften in den vergangenen zwei Jahren einen fundamentalen Wandel beobachtet: "Spanien spielte gut, starb aber immer in Schönheit. Deutschland war hingegen immer dasselbe Deutschland: Häßlicher Fußball, aber effektiv. Jetzt steht die Welt aber auf dem Kopf. Deutschland spielt brasilianischen Fußball, hat aber den teutonischen Grimm beibehalten. Spanien hingegen ist grundsolide, und spielt nur schön, wenn's nötig ist: blitzartig, um Partien für sich zu entscheiden."
Star-Kolumnist Aldo Cazzullo vom Renommeeblatt 'Corriere della Sera' aus Mailand schätzt Deutschland jedenfalls wie folgt ein: "Deutschland ist das modernste Team der WM: das schnellste, jüngste und phantasievollste; das einzige, das einen anderen Fußball spielt, und das den Ball in wenigen Sekunden von einem Elfmeterraum zum anderen befördern kann, ohne auf die Flanken ausweichen zu müssen."
Cazzullos Fazit für heute Abend lautet: "Der allgemeine Favorit lautet Spanien, weil dort den Experten zufolge mehr Qualität in Mittelfeld und Sturm vertreten ist. Genau das war aber auch schon von Argentinien behauptet worden."
Deutlicher lehnt sich da schon Ex-AC-Mailand-Idol Alessandro 'Billy' Costacurta aus dem Fenster. Er schreibt: "Vor der WM habe ich gesagt, dass ich Spanien als Favoriten einschätze und bleibe dabei, obwohl ich zwischendruch erhebliche Zweifel durchstehen musste. Deutschland bringt allerdings eine Energie und einen Enthusiasmus mit, die meiner Meinung nach fundamental sind, um den Sieg im Finale zu erringen. Deshalb tippe ich auf ein 1:1, gefolgt von einem Spanien-Sieg nach Elfmeterschießen."
In den Niederlanden drückt Verbandschef Henk Kesler im 'Telegraaf' hingegen Deutschland die Daumen: "Wenn wir Deutschland besiegen, dann haben wir die Schande von 1974 auch endlich getilgt. Das wäre das Schönste. Dann hänge ich an meinem Wohnort Enschede an der niederländisch-deutschen ein Leintuch mit der Aufschrift ''Willkommen in das Land des Weltmeisters' auf."