Der Fall Natascha Kampusch wird noch einmal aufgerollt. Einen entsprechenden Bericht der Wiener Tageszeitung 'Die Presse' bestätigte ein Sprecher der österreichischen Justizministerin Maria Berger. Es soll geklärt werden, ob der Entführer Wolfgang Priklopil einen Komplizen hatte. Albin Dearing, ein anderer Sprecher der Justizministerin, bestätigte den Vorstoß: "Die Ministerin hat entschieden: Es wird ermittelt".
Laut Innenressort-Kabinettschef Franz Lang waren dieser Entwicklung mehrere "Besprechungen zwischen Vertretern des Innenministeriums und der Justiz" vorausgegangen. Im Jahr 1988 war Natascha Kampusch als Zehnjährige auf dem Schulweg entführt und achteinhalb Jahre lang in einem bunkerähnlichen Keller unter einer Garage im niederösterreichischen Strashof gefangen gehalten worden. Vor zwei Jahren, am 23. August, war ihr die Flucht gelungen. Täter Priklopil beging direkt nach ihrem Ausbruch Selbstmord.
Eine parlamentarische Untersuchungskommission hatte dieses Jahr zahlreiche schwere Ermittlungsfehler der Polizei festgestellt. Während offizielle polizeiliche Ermittlungen sich auf einen Täter konzentrierten, hatte eine zwölfjährige Zeugin, die die Entführung beobbachtet hatte, von zwei Tätern gesprochen. Der Kommissionsbericht nennt dies einen "von Anfang an faßbaren Hinweis in Richtung Mehrtäterschaft".
Nach Angaben der 'Presse' könnten die Ermittlungen schon in der nächsten Woche beginnen. Zwischen den zuständigen Justiz- und Innenministerien sei die Bildung einer neuen Sonderkommission mit neuen Beamten vereinbart worden. Der Freund und Geschäftspartner des Entführers, der bereits 1988 vernommen worden war, soll erneut befragt werden. Laut dessen Anwalt Ernst Schillhammer habe dieser seine Kooperation zugesagt.
Im Fall Natascha Kampusch sind mittlerweile einige Ermittlungsfehler aufgetaucht. So sollen etwa persönliche Gegenstände wie Videokassetten, Notizzettel und Kleidung, die im Verlies in Strasshof gefunden wurden, dem Opfer übergeben worden sein, ohne zuvor kriminaltechnisch untersucht zu werden. Außerdem kamen die Protokolle der ersten Einvernahme Kampuschs in einen Tresor - angeblich, um eine Weitergabe an die Medien zu unterbinden. Nicht einmal die Polizei bekam daraufhin jedoch vollständige Einsicht in die Akten. Somit konnten Ermittlungen, die direkt daran hätten anknüpfen können, gar nicht erst erfolgen.
Im Bericht der Evaluierungskommission heißt es: "Aus den Ergebnissen der Befragungen scheint hervorzugehen, dass Repräsentanten der Opferschutzorganisation unmittelbaren Einfluß auf die Einvernahme-Fragestellungen an Natascha Kampusch genommen haben." Opferschutz bedeute allerdings auch, das Risiko für "weitere potenzielle Opfer zu minimieren".
Verwandte Artikel
Bei der Untersuchung des Falles durch die so genannte "Kampusch-Kommission" war ferner bekannt geworden, dass im Jahre 1988, nur wenige Tage nach der Entführung, die Polizei einer heißen Spur nicht gefolgt war, die vermutlich zur Festnahme Priklopils hätte führen können. Der pensionierte Verfassungsrichter Ludwig Adamovich, Vorsitzender der aus sechs hochqualifizierten Mitgliedern bestehenden Kampusch-Kommission, hatte zahlreiche Ermittlungsfehler festgestellt. (lkl)