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Giorgio Armani und Dolce & Gabbana im Kreativitäts-Infight

27.01.2009PLAGIATSVORWÜRFE AUF DER MODEWOCHE

Giorgio Armani und Dolce & Gabbana im Kreativitäts-Infight

Die Modewelt ist in Aufruhr. Die Legende Giorgio Armani und die Jungs von Dumm & Geil - ähm - Dolce und Gabbana zickten während der Milano Moda Uomo aber so etwas von herum. Es hat sich ausgedolce-vitat. Schuld daran ist das in Zeiten des Luxus nicht mehr vorhandene Dandytum, das Abkupfern vom Altmeister - und natürlich Donatella Versace.

Dandyismus - ein Mythos. Das Feuilleton verwendet das Wort Dandy irrtümlich zur Kennzeichnung gut gekleideter, leicht feminin wirkender Männer, die sich durch besondere Eleganz auszeichnen. In trivialer Beschränkung auf den Look wird allerdings nur das Äußere des Phänomens wahrgenommen, dem geistigen Habitus dagegen kaum mehr Bedeutung beigemessen. Eine Begriffsklärung scheint vonnöten.

Das Dandytum entwickelte sich in England seit 1815 aus einer Clique extravaganter Adliger unter Führung des aus dem Bürgertum stammenden George Bryan Brummell, genannt Beau Brummell. Ursprünglich hat das Dandytum viel mit Intellektualität zu tun - dem literarisch-künstlerischen Dandytum. Schriftsteller, wie Jules Barbey d'Aurevilly und Charles Baudelaire fügten das Element der geistigen Revolte der Begrifflichkeit hinzu. Dadurch ist einem Dandy sehr wohl die Betonung ethischer und spiritueller Eigenschaften wichtig, aber niemals auf Kosten der äußeren Eleganz. Zum ursprünglich aristokratischen Formalkult tritt also die weltschmerzliche Erfahrung existentieller Isolation.
Der Charakter der Auflehnung und der Kampf gegen die Trivialität erfordern höchste Bewusstheit und Selbstreflektion. Deshalb die Forderung Baudelaires, der Dandy müsse sein ganzes Streben darauf richten, ohne Unterbrechung erhaben zu sein. Er sollte leben und schlafen vor einem Spiegel. Baudelaire geht noch einen Schritt weiter und räumt dem Dandyismus den Rang einer Philosophie ein, die den überlegenen Geist kennzeichnet. Er ist gleichsam die Fundamentalkategorie des eleganten, des unabhängigen, anspruchsvollen, herausfordernden Menschen, der eine Verbindung mit jeder möglichen, vom Zeitgeist stets unterschiedlich geprägten Persönlichkeit eingehen kann. Der Dandy als charismatischer Außenseiter ist latent konservativ und neigt zur gegenrevolutionären Revolte. Allerdings greift er die Gesellschaft niemals unmittelbar an. Er faßt schweigsamer und subtiler zu. Er verzichtet auf Aktionen, die ihn zwingen, unter sein Niveau zu gehen.

Der Dandy hat wie Giorgio Armani keinen anderen Beruf als die Eleganz. Sie ist Ausdruck seiner materiellen und geistigen Unabhängigkeit und vor allem seiner moralischen Verfassung. Prinzip seiner Distinktion ist die vollkommene, aber raffinierte Einfachheit - die beste Form, um sich von anderen zu unterscheiden. Indem er in der Kleidung das rechte Maß zu wahren weiß, provoziert er, da er sich den Zeitmoden verweigert. Er ist auf sich als Kultfigur, auf seine ästhetische Selbstvervollkommnung bezogen. Der Dandy (also auch Giorgio Armani) amüsiert nicht, er dominiert. Durch seine absolute Selbstkontrolle beherrscht er die Szene. Die Aura seines Auftretens ist die Kälte. Sie ist Ausdruck seiner Unerschütterlichkeit und Ungerührtheit und zugleich die besondere Form seiner Schönheit. Der Dandy gefällt, indem er missfällt. Er provoziert, er leistet sich Verstöße gegen die Regeln, was voraussetzt, dass es Regeln gibt. Wo Regellosigkeit herrscht, wo es keine Etikette mehr gibt, wo alles erlaubt ist, gehen die Provokationen des Dandys ins Leere. Was in einer Gesellschaft der Perversionen demnach übrig bleibt, ist ein Individualismus ohne verpflichtende Konventionen des Geschmacks und des Stils.

Dandytum auf hohem Niveau eines Baudelaire ist heute nicht mehr möglich. Seine Nachfolger verfügen nicht mehr über die seelische und intellektuelle Disziplin, die den Dandy auszeichnet. Exemplarische Eleganz wird ersetzt durch forcierte Extravaganz (a la Dolce & Gabbana). Das moderne Wort dafür ist das triviale Wort Luxus. Doch Luxus ist nur die gewollte Wiederholung des Dandyismus auf extrem niedriger Stufe, eine Subkultur. Was gestern noch als Enklave gesellschaftlicher Exklusivität galt, ist übermorgen schon zum Ziel des organisierten Massentourismus geworden.

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Orte wie St. Moritz, Saint-Tropez, Portofino, Capri, Acapulco, Marbella, die Bahamas usw. haben längst das Image des Exklusiven eingebüßt. Durch dieses postmoderne Spiel mit Widerspiegelungen hat sich die Aura des Dandys, also sein Charisma schon lange verflüchtigt. Soziologisch betrachtet heißt das also, dass der intellektuelle Dandy im Giorgio Armani Anzug im Rückzug auf sich selbst nur ein Surrogat in Dolce & Gabbana Einerlei darstellt.

WÖRTERBERG
Eleganz hat nichts mit Mode zu tun.

Petra Augustyn
www.museum-tv.eu

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