Kinder lernen Respekt oder Respektlosigkeit je nachdem, wie wir sie behandeln oder miteinander umgehen. Finden Sie nicht auch, dass wir in einer Gesellschaft leben, die mit Kindern oftmals nicht besonders freundlich umgeht?
Neulich stupste ich ein neunjähriges Mädchen mit Schulranzen an, als ich auf der Rolltreppe an ihr vorbei lief. Ich drehte mich um und rief ihr ein schnelles "entschuldige bitte" zu. Was muss ich auch meinen Gehindex von hundert Schritte pro Minute zum Quadrat potenzieren auf einer Rolltreppe, die nicht für mich alleine gebaut wurde. Die kleine Göre sah mich erstaunt an. Ich hatte das Gefühl, dass sie es nicht gewohnt war, dass sich Erwachsene bei ihr entschuldigen.
Mein Gehen auf der Rolltreppe brachte mir rein gar nichts, denn weit und breit war keine U-Bahn in Sicht. Pure Zeit- und Energieverschwendung. Plötzlich tänzelte vor mir das Mädchen von der Rolltreppe und grinste mich frech an. "Den Zahn da oben, den habe ich mir neulich erst ausgerissen und den daneben werde ich mir demnächst herausreißen". Hm, so, so. Sehr interessant. Ich sagte ihr, sie solle sich mal nichts aus diesen Zahnlücken machen, das sei durchaus sexy.
Sie freute sich, tänzelte wieder herum, und begann mir danach Löcher in den Bauch zu fragen. Wo ich hinfahre? Woher ich die schöne Tasche habe? Bei soviel wichtiger Fragerei hatte ich dann auch ein paar Fragen gut. Fragen zu schulischen Themen zum Beispiel, weshalb ihre Schultasche schwerer sei, als Edmund Hillarys Marschgepäck zum Mount Everest, ob sie denn keine Bankfächer habe, und wenn sie schon so viel schleppen müsse, sie unbedingt einen Tenzin Norgay brauche.
Sie erklärte mir, dass sie jede Woche einen neuen Platz in der Klasse zugeteilt bekommt und deshalb kein Bankfach habe. Als beschämend empfand ich das. Und dann wollte sie natürlich wissen, wer denn dieser Edmund Hillary und was ein Tenzin Norgay sei. Vom Everest habe sie schon mal was gehört. Ich erklärte ihr, das Hillary die Gipfelbesteigung ohne seinen Sherpa Tenzin Norgay niemals geschafft hätte, und das überhaupt jeder Mensch im Leben einen Tenzin Norgay zur Seite braucht, der einen manchmal ein bisschen an Last abnimmt und ein Stück des Weges gemeinsam geht.
Sie meinte, dass dieser Herr Norgay sehr nett erscheint und sie diese Sache mal anmerken wird bei der Frau Lehrerin. Und dann wollte sie noch wissen, ob ich denn ein Bankfach gehabt hätte. Ja natürlich, ansonsten hätte ich darauf bestanden, diese Schulbücher als Hörbücher zu bekommen. Und um die Fragestunde abzuschließen, wollte sie dann noch wissen, wie alt ich denn bin. Ich flüsterte ihr mein Alter zu.
Sie schrie dann quer durch die morgendlich dicht gedrängte U-Bahn: "Du siehst aber viel jünger aus, wie Zwanzig". Honey, you made my day. Thank you. Ich grinste wie Angelina Jolie auf dem roten Teppich fröhlich durch die kritische Masse. Einige Männer warfen mir schmunzelnd wohlwollende Blicke zu, von einigen Anwesenden, etwas mürrisch wirkenden Damen der Gesellschaft, erntete ich allerdings unzufriedene, sogar äußerst böse Blicke. Tja, man kann es eben nicht allen Recht machen. Die Kleine winkte mir zum Abschied zu. Menschen, die winken, mag ich besonders. Die kleine Lady wird ihren Weg gehen, denn wer soviel Schulkrempel mit sich herumschleppen kann, der ist zu Höherem bestimmt.
Wenn ich beobachte, wie mürrisch die alten Herrschaften oftmals Kinder behandeln, Kinder mit ihren vom Leben enttäuschten Weisheiten meinen beurteilen, verurteilen und - das allerschlimmste - vorverurteilen zu müssen.
Wer kann es sich denn anmaßen zu behaupten, dass aus den Kleinen sowieso nichts werde. Wo sind sie die weisen Alten, zu denen die Jungen gerne aufblicken und sich Geschichten erzählen lassen. Unsere Gesellschaft würde Euch so sehr brauchen. Doch unsere Gesellschaft ist voll von Alten, die nicht in Würde Altern können. Wie unbeispielhaft.
Bereits der Generation meines Vaters prophezeite man Schlimmes. Wie solle denn aus diesen Nazi-Gschrappen jemals etwas Gscheites werden. Paradoxerweise ist mein Vater wie viele andere Menschen seiner Generation sehr erfolgreich, fleißig und lebensfroh, und tut bis heute im hohen Alter alles für seine Familie, was in seiner Macht steht, und lehrte mich stets das Leben und die Natur wertzuschätzen, denn das sind die wahren Werte, wofür es sich lohnt diese, für die nächsten Generationen zu bewahren.
Gestern beim Bäcker round the corner. Ein Mädchen von ca. zwölf Jahre saß neben mir, genoss ihr Kipferl und trank Kakaomilch dazu. Ich orderte wie üblich meinen Kaffee und platziere mich mit der täglichen Tageszeitung daneben. Sie lächelte und wünschte mir einen guten Appetit. Ich war sehr erstaunt, und bedankte mich grinsend bei der kleinen Lady. In der Bäckerei ist eine Spendenbox, wo Bildung als Chance darauf geschrieben ist. Als das kleine Mädchen ihre wohlverdiente Jause vollendete, steuerte sie auf die Spendenbox zu und warf dort zwei Euro hinein. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Was verlangen wir den Kleinen eigentlich noch alles ab? Das war mit Sicherheit ihr Taschengeld. Sofort klappte ich den üblichen Unsinn dieser Anhäufung an Papierverschwendung namens Tageszeitung zu und hatte die folgenden Gedanken.
Ihr Politiker, Wirtschaftsbosse, Bankentypen oder sonstige von der der Gier getriebenen egozentrischen Geldvernichter, die sich skrupellos und selbstverständlich Bonuszahlungen von Steuergeldern auszahlen lassen. Investiert Steuergelder in Bildung, das ist das beste Investment in die Zukunft. Lasst sie Pleite gehen, diese betrügerischen, korrupten Banken, denn jeder Cent, der dort hineingebuttert wird, verpufft in der Nanosekunde. Es ist ein Pflasterkleben auf eine Wunde, die nie mehr heilt. Wir brauchen ein neues Bildungssystem für die Generationen nach Euch, eine Generation mit neuen Chancen, die jedoch zuerst Eure heutigen finanzwirtschaftlichen Verbrechen und Machenschaften wird ausbaden müssen.
Was glauben Sie, welche Generation wird wohl das staatliche Konjunkturpaket verantworten, mit dem wir da heute heruntergewirtschafteten Banken großzügig das Maul stopfen und diesen von der Gier gezeichneten Managern, die nachweislich mit Verlaub Scheisse zum Quadrat verursachten, auch noch mit Bonuszahlungen honorieren. Einen Mangel an Ethik zu diagnostizieren wäre zu hochtrabend, denn für derartige Machenschaften ist das Wort Ethik zu niveauvoll.
Und wir wagen es noch auf die kleine Generation der heutigen Kinder zu schimpfen? Wie wir Kinder behandeln ist schändlich. Wie wenig Respekt wir den Kleinen zollen ist verheerend, und wie wenig wir sie Kinder sein lassen. Wollen wir dressierte Erwachsene im Schulalter, die sich ihre eigene Bildung von Spendengeldern aus ihren eigenen Taschengeldern finanzieren müssen? Steuerfrei, selbstverständlich. Und das alles nur, weil wir Erwachsene es nicht schaffen, für unseren eigenen Egoismus die Verantwortung selbst zu tragen und zusätzlich noch glauben, es sei modern, Partner, Ehen und Freunde zu wechseln wie Jobs und Unterwäsche. Wie wollen wir für die Generation der Kinder Verantwortung leben, wenn wir mit unseren Steuern ein System stützen, das sichtlich keinen Generationenplan hat oder auch nur einen Funken an Moral oder Bildung in seinem Handeln in sich trägt?
Das wichtigste auf dieser Welt ist Bildung und Achtung vor den Kleinen, denn wie soll sonst aus einem kleinen Menschen ein Mensch mit Verantwortung und Achtung für den Nächsten werden, wenn wir keinerlei Courage mehr haben, es ihnen vorzuleben. Es lebe die Milchmädchenrechnung. Und ihr Alten, hört endlich auf, Kinder mit "aus Dir wird sowieso nichts" zu konditionieren. Was hat so eine Botschaft denn für einen Anspruch? Aus Kindern soll etwas werden, weil Kinder so, wie sie nun mal sind, etwa noch nichts wert sind? Fehlerflöhe ans Werk!
WÖRTERBERG
If you think education is expensive, try incompetence.
Petra Augustyn
www.museum-tv.eu