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Weihnachten ist ein Gefühl und keine Jahreszeit. Von der Lust am Nichtschenken.

19.12.2008EIN HOCH AUF DIE KRISE

Weihnachten ist ein Gefühl und keine Jahreszeit. Von der Lust am Nichtschenken.

Diese Weihnacht habe ich beschlossen; keine Geschenke zu kaufen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie unendlich befreit ich mich dadurch fühle. Es plagt mich weder das schlechte Gewissen noch sonst eine Laune, denn ich habe neben der Tatsache, dass Juden keine Weihnachten feiern, die beste und legitimste gesellschaftliche Ausrede, die man sich nur wünschen kann - die Finanzkrise. Ich liebe diese Krise!

Wie praktisch! Endlich steige ich in aller Weihnachtsruhe von meinem hohen Ross herab, denn wohlfeil bekannt ist, dass sowieso irgendwo ein Ros entsprungen ist, und übe mich nebst dem bewussten Ein- und Ausatmen heuer zur Abwechslung einmal und zusätzlich, auch im nach Links und Rechtsschauen. Schärfen Sie Ihren Sinn und schauen Sie doch einmal!

So ziehen plötzlich, wie Sternschnuppen, in aller Gelassenheit sämtliche besinnungslose Punsch- und Weihnachtsfeiersausen, inklusive dazugehörender Weihnachtsleichen, gekonnt an Ihnen vorüber. Als ob Weihnachtsfeiern dem einzigen Ziele dienten, sich mal wieder bis zur Besinnungslosigkeit die Birne voll laufen zu lassen, sich wie zu Ostern als Häschen zu verkleiden, um dann, mit Verlaub, mal so richtig den Chef zu vögeln. Fröhliche Weihnacht, überall! Vielleicht haben wir doch eher eine Liebeskrise als eine Finanzkrise.

Desweiteren gehöre ich nicht zu jenen Protzmenschen, die glauben, trotz Krise oder sonstiger kollektiver, versexter Massenangstmache, dem Umfeld erst recht zeigen zu müssen, wie Prall die Weihnachtskekskonten immer noch, oder erst Recht gefüllt sind, und deshalb zu glauben, die teueren Läden leer kaufen zu müssen. Mich dann mit dem Gucci-Täschchen vom Luxusmainstream abheben will, mir das aber aufgrund meiner Einfältigkeit und Geschmacklosigkeit nicht gelingt, und ich deshalb als Kompensation für meinen angeknaxten Selbstwert in meinem Schatz mit einem Hauch von nikolorot Dessous unter'm Pluschmäntelchen versteckt, das Weihnachtsfunkeln erzeugen will. Und schon wieder ist so ein Ross entsprungen.

Da bevorzuge ich dann doch lieber das dezente, weitaus zeitlosere und schickere Rollkragenpullöverchen, denn erstens hat Nihilismus immer Saison, und meine Birnenmöpse finden darin erst DIE Beachtung die sie verdienen. Weihnachtliche Formvollendung. Das prickelnde am Schenken ist bekanntlich das Auspacken. Wer bekommt schon gerne nackte Tatsachen auf das Gabentischchen?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich bin eine Befürworterin der money-has-to-float Strategie und freue mich von ganzem Herzen für die Geschäftsleute der Protzeinkaufsstrassen, und selbstverständlich auch für die Damen des Prostitutionsgewerbes. Wirklich. Sollen Sie mit jedem Weihnachtsfest Milliarden an Tantiemen scheffeln. Am besten gleich ab Sommer. Ein ganzes Weihnachtshalbjahr, fröhlich und spendensteuerfrei - warum denn eigentlich nicht? Das wäre wahre Konjunkturbelebung.

Vielleicht ist Jesus sowieso im Sommer geboren. Wer weiß das denn wirklich? Historisch belegt ist, dass Jesus in Nazareth und nicht in der judäischen Stadt Bethlehem geboren wurde. Also aus der Traum vom Stern von Bethlehem. Heißt es doch in der Bibel Jesus von Nazareth. Ein Jesus von Bethlehem ist unerwähnt. Außerdem zählte Nazareth damals zu Galiläa, und das lag außerhalb des jüdischen Kernlands. Diese Tatsache hätte wohl jedes Navigationsgerät zum Stottern gebracht.

Es ist nämlich ganz einfach: Bis ins vierte Jahrhundert galten der 28. März, der 18. April oder der 29.Mai als sogenannte Weihnachtsfeiertage. Das änderte sich, erstens, weil Kaiser Konstantin (306-337 n. Chr.), vielleicht aus hedonistischer Weihnachts-Trunkenheits-Laune, die Weihnachtsfeiertage um den 24. Dezember als verbindlich erklärte, oder, weil zweitens, Papst Gregor 1582 meinte, seinen gregorianischen Kalender, nach dessen Diktat sich immer noch unser Alltag gestaltet, zu dogmatisieren. Im biblischen Palästina war der gregorianische Kalender gänzlich unbekannt. Das erklärt vielleicht, warum ich mir nie merken kann, welcher Tag denn heute ist. Falsche Zeitrechnung. Kennen Sie das Gefühl?

Eine weitere Ungereimtheit stellt die Krippengeschichte dar. In der christlichen Überlieferung behüteten Hirten und deren Tierchen das Jesuskind. Paradoxerweise ist geschichtlich bewiesen, dass Hirten ihre Tiere nur zwischen März und November auf die Weide schickten. Solch ein Regiefehler, mutiert zum grippalen Effekt, bestärkt also die Annahme, dass Jesus wie Barack Obama in Wahrheit ein Außerirdischer war.

Wie dem auch immer gewesen sei. Einmal ein Weihnachtsgeschenke Protzangeber, immer ein Protzangeber. Der Finanzkrise, Weihnachten, dem Himmel und natürlich dem Herrn Jesus gilt heuer mein ganz besonderer Dank.

Das einzige wirklich Schöne am Schenken sind die verzauberten und vor Begeisterung funkelnden Kinderaugen. Deshalb werde ich doch eine Ausnahme machen und einige, wenige, kleine Erdenbürger dieses Jahr ganz besonders reichlich beschenken. Die Erwachsenen jedoch sollen sich ihren Krempel selbst kaufen und weiterhin die Atmosphäre mit Geschenksmüll und Papier zuspamen. Tja! Dem einen zerfrisst die Gier, dem anderen der Geiz. Das Schicksal will es so. Nachdem auf diesem Planeten sowieso nichts geschieht, was wir uns nicht selbst erdacht haben, das gilt für den Einzelnen, und erst recht für das Kollektiv, bleibt nur abermals ein der Finanzkrise sei Dank zu schreiben und ein Hosanna in der Höhe anzustimmen.

Wörterberg:
above me only sky.

Petra Augustyn

www.museum-tv.eu

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