Von den rund 82 Millionen Menschen, die derzeit in der Bundesrepublik leben, stammen etwa 15 Millionen aus anderen Ländern. Am heutigen Montag stellten Wissenschaftler in Berlin eine Studie über die Integration von Migranten unterschiedlichster Herkunft vor, deren Ergebnisse dem 'Spiegel' sowie der 'Welt am Sonntag' vorab vorlagen. Das Resultat fällt ernüchternd aus: Besonders Zuwanderer mit türkischen Wurzeln sollen die größten Probleme haben, sich in die Mehrheitsgesellschaft einzugliedern.
Nach einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung über den "Stand der Integration in Deutschland" sind türkische Migranten am schlechtesten in Deutschland integriert. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Menschen mit türkischem Hintergrund einen niedrigeren Bildungsgrad sowie eine höhere Arbeitslosenquote aufweisen als Einwanderer aus anderen Ländern. Zum ersten Mal wurden in der Erhebung die Integrationserfolge einzelner Migrantengruppen, inklusive der Zuwanderer mit deutschem Pass, systematisch einem Vergleich unterzogen. Die Datenbasis der Untersuchung bildete der "Mikrozensus 2005". Heute werden die Ergebnisse der Studie in der deutschen Hauptstadt präsentiert.
Der Studie zufolge können 30 Prozent der Türken und Türkischstämmigen in Deutschland keinen Schulabschluss vorweisen, nur 14 Prozent erreichen das Abitur. Besonders fatal ist die Situation im Saarland: Dort haben ganze 45 Prozent keinen Bildungsabschluss. Obwohl die meisten türkischen Zuwanderer schon seit langem in Deutschland leben und knapp die Hälfte von ihnen sogar hier geboren wurde, haben bisher nur 32 Prozent der türkischen Migranten die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Zudem seien türkische Einwanderer häufig arbeitslos, besonders oft von Sozialleistungen abhängig, und die Hausfrauen-Quote falle im Vergleich zu anderen Migrantengruppen extrem hoch aus.
Türkische Einwanderer bilden in Deutschland mit drei Millionen Menschen nach den Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion, die etwa vier Millionen Menschen zählen, die zweitgrößte Migrantengruppe. Die erhobene Umfrage zeigt auf, dass Zuwanderer aus dem Nahen Osten, aus Afrika sowie aus Ex-Jugoslawien neben den türkischstämmigen Migranten die größten Probleme haben, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Einwanderer aus EU-Ländern, deutschstämmige Aussiedler und Zuwanderer aus dem Fernen Osten würden sich mit dem Leben in Deutschland am besten zurechtfinden.
Neben der Untersuchung unterschiedlicher Migrationsgruppen und der Bewertung ihrer Integration beinhaltet die Studie zudem ein Ranking der Bundesländer nach ihrem Integrationserfolg. Dabei schneidet Hessen am besten ab. Auch Hamburg, wo etwa ein Viertel der Bevölkerung ursprünglich nicht aus Deutschland stammt, erhält in der Studie gute Noten, während dem Saarland ein schlechtes Zeugnis für seine Integrationsarbeit ausgestellt wird. Unter den Städten werden München, Frankfurt, Bonn und Düsseldorf als lobenswerte Beispiele bewertet, während die Bedingungen für Migranten in Ruhrgebietsstädten wie Duisburg oder Dortmund sowie in Nürnberg am schlechtesten sind. Regional gesehen verläuft die Integration dort am besten, wo die meisten Arbeitsplätze existieren und viele hoch qualifizierte Menschen leben.
Islamwissenschaftler Bekir Alboga erhob in der 'Neuen Osnabrücker Zeitung' erste Zweifel an der Aussagefähigkeit der Studie. Die Behauptung, türkische Einwanderer seien schlechter in Deutschland integriert als andere Zuwanderergruppen, müsse wissenschaftlich erst noch bestätigt werden. "Wir werden uns sehr kritisch mit dieser Studie auseinandersetzen müssen. Solche Aussagen zu formulieren fällt häufig leichter, als sie dann tatsächlich auch an wissenschaftlichen Standards gemessen zu verifizieren", erklärte Alboga, und verwies auf eine hohe Zahl erfolgreicher türkischer oder türkischstämmiger Unternehmer, Mediziner, Schauspieler, Autoren und Journalisten. "Es gibt kaum einen Berufszweig, in dem Sie nicht sehr vorbildliche türkischstämmige Menschen finden", gab der Dialogbeauftragte des Moscheen-Dachverbandes DITIB zu Bedenken.
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In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin 'Der Spiegel' betonte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Signalwirkung derartiger Integrationserfolge. "In Deutschland gibt es viele gut integrierte türkische Mitbürger. Diese Vorbilder sind für die Integration sehr wichtig." Der CDU-Politiker gab sich optimistisch und rechnet "schnell" mit einem besseren Gelingen der Integration. Dass es Defizite gebe, insbesondere in der zweiten und dritten Generation, sei nicht neu. Es werde aber viel für die Migranten getan und die Bundesregierung habe "den richtigen Weg" eingeschlagen. "Wir müssen den sozial Schwächeren, die sich über Generationen abgeschottet haben, sagen: Ihr seid wichtig. Wir schätzen euch, ihr seid so viel wert wie die anderen auch." Ein Signal setzten schließlich auch die Forscher, die ihre Studie bezeichnenderweise mit dem Titel "Ungenutzte Potenziale" überschrieben.