Deutsche Schüler zwischen 15 und 17 wissen nur wenig über die jüngste deutsche Geschichte. Im Rahmen der Studie „Soziales Paradies oder Stasi-Staat?“ befragten Wissenschaftler 5.200 Schüler aller Schularten über verschiedene Einzelheiten der DDR. „Die DDR war keine Diktatur, die Menschen mussten sich nur wie überall anpassen.“ Diese und ähnliche unwissende Aussagen bereiten Bildungspolitikern seit dem vergangen Freitag Kopfschmerzen. Schüler aus Bayern schneiden jedoch wieder Mal am besten ab.
Gerade einmal 19 Jahre ist der Mauerfall her, kleine Sticheleien zwischen West- und Ostdeutschen sind allgegenwärtig, und dennoch wissen viele Jugendliche nur wenig über die DDR. Eine am vergangenen Freitag veröffentlichte Studie sorgte bei der Bevölkerung für Unterhaltung und löste bei Bildungspolitikern Magenverstimmungen aus. Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin befragte für die Studie 5.200 Schüler aus Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Berlin.
Der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt war ein berühmter DDR-Politiker, der ehemaliger DDR-Staatschef Erich Honecker ein Demokrat, und die Mauer wurde von der BRD oder den Alliierten gebaut. Diese Aussagen bejahten viele der befragten Schüler. Nur jeder Dritte weiß, dass die DDR selbst die Mauer gebaut hat. Darüber hinaus glauben beinahe die Hälfte der ostdeutschen Befragten und 66 Prozent der Westdeutschen, dass die DDR keine Diktatur war. Das wiederum ist nicht verwunderlich, denn ein Großteil der Teenager kennt den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur überhaupt nicht.
Politikwissenschaftler Klaus Schroeder leitete die Studie, für die mehrheitlich Gymnasiasten befragt wurden. Der Politologe und seine Mitarbeiter fanden heraus, dass die bayrischen Teenager noch vergleichsweise gut informiert sind. 21 Prozent verfügen demnach über ein „hohes oder sehr hohes Wissen" über die DDR. Überraschenderweise wissen bayerische Hauptschüler sogar mehr über die DDR als Brandenburger Gymnasiasten.
„Wissen schützt vor Verklärung oder Verharmlosung", so die Wissenschaftler Schroeder und Monika Deutz-Schroeder in ihrem Buch „Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern". Vor allem im Osten der Republik und an westlichen Haupt- und Realschulen beurteilen Jugendliche die DDR relativ positiv. 71 Prozent finden es gut, dass in der DDR jeder einen Arbeitsplatz hatte. Darüber hinaus wird die Situation der Rentner als positiv bewertet, und auch die Umwelt sei in der DDR sauberer gewesen. Ursache dieser Verklärung: In den ostdeutschen Schulen ist die DDR seltener Thema im Unterricht.
Die Studienautoren fordern Schulen demnach dazu auf, ihre Lehrpläne mehr auf das Thema DDR auszurichten, wenngleich sie sich der resultierenden Schwierigkeiten bewusst sind: „Eine in vielen ostdeutschen Schulen kaum überwindbare Barriere stellen Eltern und Großeltern von Schülern dar, die das von kritischen Lehrern vermittelte DDR-Bild zurückweisen und ihren Kindern ihre eigenen nostalgischen Sicht gleichsam aufzwingen".
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Der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner beauftragte inzwischen Geschichtsdidaktiker Bodo von Borries mit einem Gegengutachten zur Überprüfung der Studie. Auch Borries fürchtet, dass eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema ostdeutsche Schüler „in Konflikte mit ihren Familien treiben" könnte. (ago)