Sein erster Staatsbesuch in Italien verläuft lediglich aus Sicht des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi gut. Denn dem Diktator wird Narrenfreiheit gewährt. Nun hat der 57-jährige sich selbst übertroffen: Bei einer Rede vor dem römischen Senat griff er offen die USA an – und befürwortete Saddam Husseins Politik. Damit führte er den Kurs fort, den er mit seiner provokante Phantasie-Uniform eingeleitet hatte.
Es ist ein historisches Ereignis: Zum ersten Mal seit dem Ende der Kolonialherrschaft Italiens über Libyen besucht der libysche Staatspräsident Gaddafi das ehemals verhasste Land. Doch seine viertägige Reise bringt die Stiefel-Republik an ihre Grenzen. Denn sein Aufenthalt wird von vielen kritisiert, Proteste gegen libysche Menschenrechtsverletzungen begleiten ihn - und um das Ganze noch zu überbieten provoziert der selbsternannte Revolutionsführer seinen Gastgeber regelmäßig.
So residiert der Libyer erstens in einem eigens für ihn errichteten Zelt im Schatten der barocken Villa Pamphili auf dem Gianicolo vor Rom. Des Weiteren holte Staatschef Silvio Berlusconi trotz Protokolls seinen "Freund" am Flughafen Ciampino ab. Wie es in Medienberichten hieß, hatte dieser befürchtet, al-Gaddafi könnte bei einer noch so kleinen Brüskierung abreisen.
Das Dankeschön für diese Extra-Behandlung ließ nicht lange auf sich warten. Als der Diktator aus dem Flugzeug stieg trug er eine Phantasieuniform die es in sich hatte. Auf den Schulterklappen mit goldenen Fransen prangten Rangabzeichen eines Obersten. Dazu führte eine Parade-Achselschnur über die rechte Körperhälfte, rot-goldene Kragenspiegel vervollständigten das Bild. Eine „Interimsspange" bildete den Orden, sie steht für mindestens 26 erlangte Auszeichnungen.
An der Vorderseite waren links und rechts zwei schwarz-weiß Photos angebracht. Vor allem eines sorgte für Fassungslosigkeit. Es zeugt aus dem Jahre 1931 und zeigt Omar el Mochtar, den Besatzungs-Widerstandskämpfer, kurz nach seiner Festnahme. In Ketten gelegt ist der „Löwe der Wüste" damals vor die Kamera gezerrt worden. Nur wenige Zeit später erschossen ihn italienische Soldaten. Das Bild hatte sich a.-Gaddafi an die rechte Brust geheftet. Er erklärte, er trage dieses Foto „wie ihr das Symbol von Christi Tod am Kreuz tragt", um an die Opfer des Befreiungskampfes zu erinnern.
Am Donnerstag hielt der aus einer Beduinenfamilie stammende al-Gaddafi vor dem römischen Senat eine Rede und verstand es auch hierbei Seitenhiebe zu verteilen: „Wir sind gegen den Terrorismus, aber was ist der Unterschied zwischen dem Bombenangriff der USA auf Libyen 1986 und den Anschlägen von Osama bin Laden," erklärte er und verwies auf den Luftangriff der Amerikaner auf Tripolis und Bengasi. Damals reagierten die Vereinigten Staaten auf einen Discoanschlag in West-Berlin bei dem zwei Menschen ums Leben kamen und zahlreiche verletzt worden sind.
Doch damit nicht genug. „Dass der Irak heute der Terrororganisation al-Qaida offen steht, ist allein Schuld der USA", so der Staatspräsident. Saddam Hussein hätte Zeit seines Lebens als „ein Bollwerk gegen den Terror" gedient.
Die Beziehung zu Italien lobte er hingegen - genauso dessen Ministerpräsidenten Berlusconi „Ich bedanke mich für seine Entschlossenheit und den Mut zu der historischen Entscheidung, sich im Namen von ganz Italien für die diskriminierende Vergangenheit" und das Leiden Libyens zu „entschuldigen".
Verwandte Artikel
- BAN KI MOON TROTZDEM DA - Al-Bashir in Doha gestärkt - Assad und Gaddafi wettern gegen UNO
- ENGERE ZUSAMMENARBEIT SOLL FOLGEN - Italien zahlt Libyen 5 Millionen Dollar Entschädigung für Verbrechen während der Kolonialzeit
- STREIT SCHAUKELT SICH HOCH - Eklat um Hannibal Gaddafi: Libyen stoppt Öllieferung an die Schweiz
Jetzt rührt sich der Widerstand gegen den Libyer. So verurteilten Menschenrechtler die Entscheidungen Berlusconis nannten es ein „schmutziges Abkommen". Auf politischer Ebene gingen linke Senatoren weiter und verliehen al-Gaddafi den Titel „Laurea Horribilis Causa", übersetzt soviel wie "Würdigung für schreckliche Dinge".