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EGOTRONIC: Wenn sich vor Wasserwerfern hunderte von Fäusten ballen

16.07.2010EXKLUSIV-INTERVIEW

EGOTRONIC: Power-Töne als Provokation gegen den Hurraismus

„Zurück von den Toten … quasi back from the grave“, pardon, natürlich rave. Das Duo EGOTRONIC ist mittlerweile zum Trio angewachsen. Was sich dadurch verändert hat? Nicht dermaßen viel. Sie liefern auch zu dritt gewohnt nachdenkliche Gesellschaftskritik unter dem Deckmantel tanzbarer Rhythmen.

Jedes Jahrzehnt hat seine individuellen Sprachrohre: Die 70er hatten TON STEINE SCHERBEN, die 80er RIO REISER, die 90er ...BUT ALIVE und seit 2000 nehmen EGOTRONIC diesen Platz ein ... und werden ihn so schnell auch nicht wieder aufgeben. Aber wie es sich mit Propheten verhält, sie werden im eigenen Land nur zu oft anfänglich von der breiten Masse verkannt.

Man sitzt lieber vorm TV und verinnerlicht Sendungen wie ‚Die Küchenschlacht', während man sich Fertiggerichte in die hohle Birne schaufelt und durch das neu gewonnene Gewicht immer tiefer in die Couch gedrückt wird. Tonlich gut veranschaulicht im neuen Track ‚Volksküche'.

Früher nannte man das Brot und Spiele - heute könnte man das B von Brot getrost durch ein K ersetzen. EGOTRONIC wollen das so nicht hinnehmen. Weder die konstant voranschreitende Verblödung, noch die Ignoranz und schon gar nicht das tolerierte wie kollektive Wegsehen, wenn sich Antisemiten wieder zum Volkstanz einfinden, was dank dem Grundgesetz als Demo tituliert wird; treffend hierzu der Track ‚Toleranz'. Überhaupt steht dieser Track exemplarisch für das neue Album ‚Ausflug mit Freunden', wenn nicht sogar für die Grundeinstellung der Band.

Die Reihen der Gegendemonstranten lichten sich zusehends und fast allein auf weiter Flur stehen da noch EGOTRONIC, die mit gereckter Faust und treffenden Texten das sagen, was allen denkenden Menschen unter den Nägeln brennt.

EUROPOLITAN hatte das Glück das Trio vor einem schweißtreibenden Set im Münchner Feierwerk abzufangen und abzufragen ob ihre Rechnung für eine bessere Welt aufgeht.

EUROPOLITAN: Ihr habt auf dem neuen Album sehr viele Gäste. War das von Anfang an geplant?

TORSUN: Ja, das war schon so gewollt bevor ich überhaupt den ersten Ton der Platte im Kopf hatte. Bei den ersten beiden Alben war es ja so, dass ich ganz alleine dagesessen bin, aber diesmal hatte ich totalen Bock auf Kollaborationen mit verschiedenen Leuten. Hab' ich gefragt, hatten Bock, also besser geht's nicht! Das könnte man also fast als Konzept bezeichnen.

KT&F: Ein `Ausflug mit Freunden´ eben.

EUROPOLITAN: `Ausflug mit Freunden´. Wenn man das Cover Eurer neuen CD ansieht erweckt das gewisse Assoziationen. Andere Bands wurden wegen ähnlichen Artworks ja schon zensiert.

TORSUN: Das ist ja eigentlich eine Reminiszenz an das HAMMERHEAD-Cover (stay where the pepper grows, Anm. d. Verf.) von 1993. Das Artwork ist 1:1 nachgebaut. Bei EGOTRONIC war es schon immer so, dass wir Anlehnungen an Punksachen gemacht haben, wie auch bei der letzten Platte THE CLASH. Das sollte weniger an das Geiseldrama erinnern sondern eher eine Hommage an eine sehr gute Punkband sein.

EUROPOLITAN: Also habt Ihr keine Angst vor drohender Zensur?

TORSUN: Es gab Probleme. Die Platte kam raus, aber der Vertrieb wusste dass einige Plattenläden sagen würden, dass sie sie wegen dem geschmacklosen Cover nicht mit rein nehmen wollen ins Sortiment. Damit konnte man rechnen, aber das ist nicht schlimm.

EUROPLOLITAN: ...BUT ALIVE haben einmal gesungen „ok, tut mir leid, vielleicht bin ich zu kritisch, aber die allergrößte Scheiße heißt unpolitisch".

TORSUN: Da ist was Wahres dran!

KT&F: Ich kann es mir gar nicht vorstellen unpolitisch zu sein. Man kommt wahrscheinlich an einen Punkt in seinem Leben, an dem man die ganze Scheiße gar nicht mehr sieht, aber ich bin ganz froh darüber dass ich das noch nicht aus den Augen verloren habe. Ich kann mir das auch gar nicht vorstellen dass man sagen kann „ich bin unpolitisch".

TORSUN: Unpolitisch heißt halt bei den meisten Leuten dass sie sich mit den Verhältnissen abgefunden haben. Und wenn man das tut, ist man eigentlich so gut wie tot.

EUROPOLITAN: Mein Vater - der ursprünglich aus Tschechien kommt - sagt immer, dass der einzige Unterschied zwischen der Meinungsfreiheit dort und hier ist, dass man, wenn man etwas anklagt, hier nicht ins Gefängnis geworfen wird. Ergo kann man weder dort noch hier etwas verändern. Man muss hier nur keine Sanktionen fürchten wenn man etwas anprangert.

TORSUN: Das ist ja gerade das Schwierige. Die Situation ist eingefahren. Wer soll denn jetzt gerade das revolutionäre Subjekt sein? Das ist das große Problem und deswegen ändert sich auch gerade nichts. Nichtsdestotrotz, wir können nicht den Plan für den Umschwung machen ... aber man darf sich mit den Verhältnissen nicht abfinden. Man sollte sich die Hoffnung erhalten dass es trotzdem irgendwann einmal anders laufen kann.

KT&F: Es muss ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden. Also kein gewaltsamer Umsturz, sondern, wie es Adorno schon gesagt hat, eine Erziehung zur Mündigkeit. Und das könnte man schaffen mit der Kritik an bestehenden Verhältnissen. Vielleicht erleichtern wir auch nur unser Gewissen damit, das sei mal dahingestellt. Leider erreichen die sozialen Bewegungen im Moment gar nichts, sie kratzen vielleicht an der Oberfläche. Aber im Moment findet kein großes Umdenken statt.

TORSUN: Genau das ist das Problem. Man ist ja gar nicht in der Lage außerhalb des kapitalistischen Systems zu denken. Es ist unmöglich da das System allgegenwärtig ist. Trotzdem finde ich es wichtig es im Blick zu behalten. Deswegen sympathisiere ich auch mit Bewegungen die sich gegen Verschärfungen richten. Nimm zum Beispiel die Abschiebungspolitik hier in Deutschland. Schrecklich! Wir engagieren uns auch sehr für die Medizinische Flüchtlingshilfe. Um wenigstens ein paar Leuten ein etwas besseres Leben zu ermöglichen.

KT&F: Natürlich hilft man damit nur einzelnen, man verändert damit also nicht die Welt.

TORSUN: Schadensbegrenzung eben...

KT&F:...auf niedrigster Ebene.

EUROPOLITAN: Also auch solche Einrichtungen wie Ärzte ohne Grenzen.

KT&F: Natürlich, gerade die. Das sind Ärzte die umsonst ihre Freizeit opfern um Menschen zu helfen. Für die haben wir auch schon ein paar Mal gespielt weil dort eine Unterstützung einfach notwendig ist.

TORSUN: Genau das sind die Dinge die wir machen - und jeder machen kann - um Schadensbegrenzung zu betreiben.

EUROPOLITAN: Ihr kriegt ja manchmal Drohungen von Faschisten dass sie auf Euren Konzerten auftauchen wollen.

TORSUN: Ja, gestern erst wieder...ist aber keiner gekommen.

EUROPOLITAN: Nehmt Ihr solche Drohungen dann noch ernst?

TORSUN: Neee, ach!

KT&F: Also Angst haben wir nicht davor. Wir nehmen das aber auch nicht auf die leichte Schulter. Wir sind uns schon bewusst dass wir, wenn wir den Club verlassen, nach links und nach rechts schauen müssen.

TORSUN: Wir machen uns da nicht mehr viele Gedanken. Menschen die eine andere Hautfarbe haben und irgendwo in Ostdeutschland leben, die haben zum Teil berechtigte Todesangst.

EUROPOLITAN: Denkt Ihr die Leute hören Euch gerade wegen Eurer politischen Botschaften?

TORSUN: Es gibt garantiert Leute die uns gerade deswegen hören, gerade auch zu unserer Anfangszeit. Aber ich glaube, mittlerweile gibt es ganz viele, die es trotzdem hören. Das ist meiner Meinung nach eine realistische Einschätzung. Denn wenn alle die hier auf unseren Konzerten sind, auch politisch wären, sähe die Welt schon anders aus.

KT&F: Die ersten drei bis fünf Jahre waren etwa 90% der Besucher unserer Konzerte Politleute.

TORSUN: Das hat sich verändert. Es kommen halt viele Kids und es verhält sich so wie bei mir in meiner Jugend mit Punkrock und Hardcore: Ich fand es toll dass da eine Band auf der Bühne steht und das Unbehagen ausformuliert. Und wenn dann etwas hängen bleibt, finde ich das phantastisch! Botschaften zu vermitteln war auch nie Teil des Konzepts. Es ging darum Musik zu machen. Wir beschäftigen uns mit Politik, und klar, das fließt in die Texte mit ein. Einen Text schreibt man nun einmal darüber was einen gerade beschäftigt.

KT&F: Klar, aber auch Liebe und Schmerz, Arbeitswahn...

TORSUN:...und Party.

KT&F: Ja, Party! Also alles was einen so umgibt.

EUROPOLITAN: War das neue Album mehr Arbeit oder Freude?

TORSUN: Klar hat es Spaß gemacht die Songs zu schreiben und aufzunehmen. Aber als dann der Termindruck kam und Abgabetermine einzuhalten waren, war es kurzzeitig echt fiese Arbeit. Zwölf Stunden ohne Pause im Studio und man kriegt überhaupt nichts zustande. Man muss sich dann durchbeißen bis es wieder läuft, das nimmt man zwar nicht als Arbeit wahr, aber das ist sie.

KT&F: Wir müssen damit ja auch unser Brot verdienen. Das darf dann schon in Arbeit ausarten.

TORSUN: Gerade bei diesem Album war es so, dass ich unter der Woche die ganze Zeit am Album geschrieben habe und am Wochenende mussten wir dann auf die Bühne. Aber natürlich ist man letztendlich verdammt froh wenn ein Stück fertig ist und man es sich anhören kann und selbst davon überzeugt ist.

EUROPOLITAN: Wie ist bei Euch die Arbeitsteilung wenn Ihr an neuen Songs schreibt?

TORSUN: Das sagt schon der Bandname. Ich hatte keine Lust mehr auf diesen ganzen Bandkontext. Ich dachte eben ich mache es in Zukunft alleine und elektronisch. Deshalb auch EGOTRONIC. Bei der neuen Platte war es aber schon so dass Endi mal vorbeigeschaut und mir bei den Arrangements geholfen hat. Das ist bis jetzt einzigartig bei den EGOTRONIC Platten, dass ich mit den anderen zusammen gearbeitet habe. Aber die meiste Zeit bin eben ich im Studio gesessen. Ich bin da ein absoluter Kontrollfreak und sehr eigenbrötlerisch. Ich brauche das: Zwei Stunden vor einem Loop sitzen und am Ende dann doch wieder alles umzuschmeißen. Das kann man am besten alleine.

EUROPOLITAN: Ihr habt Eurem neuen Album Euer erstes Album `die richtige Einstellung´ beigelegt. Wo liegen für Euch die größten Unterschiede zwischen den beiden Alben?

TORSUN: Also das erste Album war absolut Lo-Fi und das jetzige Album ist musikalisch sehr breit gefächert. Produktionstechnisch ist es der größte Unterschied wenn man beide nebeneinander hört; die Arrangements sind wesentlich ausgefeilter und auch die Technik. Alles ist nicht mehr so dilettantisch.

EUROPOLITAN: Warum habt Ihr das Album beigelegt?

TORSUN: Mich hat letztes Jahr ein Freund angerufen und mir erzählt, dass das erste Album von uns bei Ebay mittlerweile zu horrenden Preisen versteigert wird. Da haben wir uns gedacht wir legen es bei, weil wir die hohen Preise dafür auch nicht gerechtfertigt finden. Lars (Lewerenz, Labelchef von AUDIOLITH Records, Anm. d. Verf.) fand das auch ganz toll.

EUROPOLITAN: Stimmt es einen Musiker nicht manchmal traurig, dass andere Bands mit ähnlichem Sound größeren Erfolg haben? Obwohl man Wegbereiter für diesen Sound war?

TORSUN: Da fallen mir im Moment nur FRITTENBUDE ein. Ist doch spitze!

EUROPOLITAN: Ich dachte da eher an die Ballermann-Fraktion.

TORSUN: Ach, Du meinst so was wie die ATZEN?! Also über so was mache ich mir überhaupt keinen Kopf. Es war klar dass so eine Art von Musik - sobald sie etwas größer wird - vereinnahmt wird. Dann kommen immer irgendwelche Trottel und machen so einen Weichspülersound daraus. Hauptsache ballermann-tauglich. Da bin ich in keinster Weise neidisch, denn so was will ich nicht bedienen. Von daher sollen die ihren Scheiß machen, wir wollen nur nichts damit zu tun haben. Es ist total ok dass die mit so einem Sound jetzt in die Charts einsteigen ... aber ich finde die einfach furchtbar und scheiße und will damit echt nichts zu tun haben.

ENDI: Naja, es gibt ja immer Nachmacher. Das liegt aber auch an der Musik selbst. Es gibt eben nur ein bestimmtes Kontingent an Musikstilen. Jeder soll den Sound machen den er machen will.

TORSUN: Man sieht es ja. Solche Bands kommen alle aus dem Hip Hop. Sie sehen dass dieses Schiff am Untergehen ist und satteln schnell um.

EUROPOLITAN: Was denkt Ihr über den Hurraismus der gerade herrscht während der Fußball-WM?

KT&F: Nichts!

TORSUN: Ganz ganz furchtbar! Dieses Rumgeschwenke der Fahnen, damit kann ich so gar nichts anfangen. Ich kann aber auch nichts mit Fußball an sich anfangen. Finde das nur irgendwie hässlich: Schwarz-rot-geil. Da wollen wir auch nichts mit zu tun haben.

KT&F: Das reicht bei mir von `Da bin ich so was von Null interessiert´ bis `das kann schon ganz schön nerven´. Ich versuch es zu ignorieren. Ein Gutes hat es allerdings: Während der letzten WM in Deutschland und gerade wenn Deutschland gespielt hat, bin ich immer einkaufen gegangen ... ich habe noch nie so leere Läden gesehen. Ich war da drin dann ganz alleine und das war wirklich wunderschön.

 

Alleine sind sie dann bei dem folgenden Set nicht. Rüde von FRITTENBUDE gesellt sich mehr als nur einmal auf die Bühne und das Feierwerk ist bis zur Eingangstür gefüllt mit Fans, die eine Textsicherheit an den Tag legen, die man so sonst nur von Mittfünfzigern im ZDF Fernsehgarten kennt. Ihr neues Album findet bei den Fans Anklang und am Verkaufsstand rasenden Absatz.

Es gibt sie also doch noch, die jungen Leute, die dem Ballermann-Einerlei den Rücken zudrehen und gute Texte wert zu schätzen wissen. Wer sich in den erlesenen Kreis der Dichter, Denker und mittlerweile Tänzer einreihen möchte, hat in baldiger Zukunft die Gelegenheit dazu. Genaueres kann der geneigte Hörer hier nachlesen und hören http://www.myspace.com/egotronics . (mm)

 

Das Interview wurde geführt und bearbeitet von Michael Meier

EGOTRONIC: Ausflug mit Freunden; Audiolith

Tracklist:

Was soll's (feat. Rüde & Yari)

Ich kanns nicht sagen (feat. Midimum)

Die Sonne scheint

Das Leben ist tödlich (vs. Saalschutz)

Tonight (feat. Danja Atari)

Toleranz

You (vs. Captain Capa)

Volksküche (feat. Plemo)

Ich hab Zeit (feat. Phil De Gap)

Mehr Bass (vs. JA!KOB)

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Wurst (22.07.2010 09:20)

B durch K?

B durch K ersetzen? Krot und Spiele?