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09.08.2007Tour de France unter Generalverdacht: Jörg Jaksche fährt mit

Mitleid mit dem Podium

Nach den neuesten Enthüllungen über die Dopingpraxen im Radsport mag kaum so rechte Vorfreude auf die Tour de France aufkommen. Wer auch immer der Sieger sein wird – dass gegen ihn Dopingvorwürfe erhoben werden, scheint unvermeidbar.

Ob der Zeitpunkt wirklich Zufall ist? Eine knappe Woche vor dem Start der Tour de France gewährte Jörg Jaksche in einem ´Spiegel`- Interview einen tiefen Einblick in das im Radsport herrschende Dopingsystem. Jaksche bekannte, dass es bei allen seinen fünf Rennställen, bei denen er unter Vertrag gestanden hatte, systematisches Doping gegeben habe, überwiegend mit Hilfe von EPO, das lange Zeit schwer nachweisbar war. Später kam dann auch die Hilfe von Eigenblutdoping dazu.

Dieses Geständnis dürfte Radsportfans in aller Welt die Vorfreude auf die bevorstehende Tour, eigentlich das traditionsreichste und prestigeträchtigste Radrennen der Welt, gehörig vergällt haben. Denn Jaksche beschuldigt in dem Interview auch Personen, die auch an der diesjärigen Tour direkt beteiligt sind. Gianluigi Stampa, Teamchef beim Team Milram um Alessandro Petacchi und Erik Zabel, soll Jaksche im Juni 1997damals noch als Leiter des damaligen Team Polti zum ersten Mal mit EPO versorgt haben.

Als „absurd“ weist Stampa die Vorwürfe von sich, ein in der Radsportwelt gängiger Reflex bei Dopingvorwürfen. Sein Sponsor verlangt dennoch eine Rechtfertigung von ihm, auch wenn ein Ausschluss Stampas von der Tour nach offiziellen Lippenbekenntnissen noch nicht geplant ist. Seinem Kollegen Walter Godefroot hat es hingegen weitaus härter erwischt. Godefroot, der Jaksche seinerzeit beim Team Telekom ebenfalls beim Doping unterstützt haben soll, ist von seinem jetzigen Teamstall Astana mit sofortiger Wirkung von seinen Pflichten als Berater entbunden worden, so sehr er auch die Vorwürfe weiterhin vehement abstreiten mag.

Es ist kein Zufall, dass Jaksches Offenbarungen in der Radsportwelt mit überwiegender Mehrheit als „Lüge“ abgetan werden, oder Jaksches moralische Integrität mit dem Vermerk auf das üppige Salär für das Interview untergraben wird. Denn zu stark sind die Systemzwänge, die das Doping im Radsport mittlerweile aufgebaut hat. Da nahezu alle prominenten Personen mehr oder weniger direkt daran beteiligt zu sein scheinen, dürften die Auswirkungen einer Offenlegung des kompletten Systems mit einem „Erdrutsch“ noch euphemistisch beschrieben sein.

Das Dopingsystem hat im Radsport längst eine eigene Dynamik entwickelt: Da ein ungedopter Fahrer auf die vorderen Plätze mehr oder weniger chancenlos ist, muss jeder ambitionierte Fahrer auf Betrugsmittel zurückgreifen. Dadurch verflüchtigt sich für den einzelnen der Vorteil des Dopens zwar wieder – doch erhält sich das System trotzdem weiterhin von selbst am Leben, da jeder Aussteiger im Vergleich zu den anderen chancenlos werden würde. „Es ist pervers, aber das Doping-System ist gerecht, weil alle dopen“, hatte Jaksche dem ´Spiegel` so treffend erklärt.

Ein Blick auf die Favoriten auf den diesjährigen Gesamtsieg bei der Tour de France macht Erschreckendes deutlich: Wer auch immer Ende Juli in Paris auf dem Podest ganz oben stehen wird – er wird unter strengstem Dopingverdacht stehen. Und seine beiden Konkurrenten links und rechts von ihm auf Platz zwei und drei ebenfalls. „Ich möchte nicht der Sieger dieser Tour sein“, bemitleidet Fabian Cancellara vom Team CSC den künftigen Sieger schon jetzt.

Der Titel des Toursiegers, eigentlich die größte Auszeichnung im Radsport, ist längst gänzlich seines Glanzes beraubt worden. Nun erscheint nur unter Verdacht zu stehen noch als ein vergleichsweise annehmbares Schicksal im Vergleich zu dem von Floyd Landis. Der Sieger von 2006 ist längst des Betrugs mit Testosteron überführt worden, der Titel ist ihm mittlerweile wieder aberkannt worden.

Ein ähnliches Fatum könnte durchaus auch Alexander Winokurow drohen. Der kasachische Kapitän des Astana-Teams gilt dieses Jahr als der große Favorit auf den Gesamtsieg. Und nun ist ausgerechnet er von Jaksche indirekt beschuldigt worden. Winokurow wetterte daraufhin von einer „Hexenjagd“, und dass er genug habe „von all diesen Bekenntnissen, für die viel Geld bezahlt“ werde.

In seiner Zusammenarbeit mit dem umstrittenen Arzt Michele Ferrari sehe er kein Problem, schließlich habe auch Lance Armstrong mit diesem zusammengearbeitet und sei nie des Dopings überführt worden. Dass ausgerechnet Armstrong Tourseriensieger von 1999 bis 2005, wie kein anderer ehemaliger Topfahrer wiederholt des Dopings beschuldigt worden ist, dürfte Winokurow wohl nicht sehr gerne hören.

Doch Winokurow befindet sich ja in guter Gesellschaft: Mit Andreas Klöden (ebenfalls Astana) und Alejandro Valverde (Caisse d'Epargne, soll ein Kunde des berühmt-berüchtigten Dopingarztes Eufemiano Fuentes gewesen sein) gehen die beiden anderen Topfavoriten ebenfalls mit dem Ballast eines schweren Verdachts an den Start. Wenn das einmal keine glänzenden Aussichten sind.

soutschek@europolitan.de

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