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AUDIOLITH – Wenn die Message stimmt, sind sie im Tanzen vereint

05.01.2010INTERVIEW MIT EINEM LABELGRÜNDER

AUDIOLITH – Wenn die Message stimmt, sind sie im Tanzen vereint

AUDIOLITH feiert seinen 50ten. Aber nicht Geburtstag sondern Release. Grund genug dieses kleine aber mehr als feine Hamburger Label genauer unter die Lupe zu nehmen und dem Labelchef Lars Lewerenz - nach einer langen Nacht am Bass von CLICKCLICKDECKER - nach seinem Lebensprojekt zu befragen.

EUROPOLITAN: Was waren Deine Beweggründe, ein eigenes Label zu gründen?

LARS: Es hat eben diesen do-it-yourself Charakter. Außerdem wollte ich schon immer die Musik meiner Freunde raus bringen. Also die Musik unter die Leute bringen die da war, aber so niemand veröffentlichen wollte. Das ist alles aus so einer Art Netzwerkgedanken entstanden, da ich früher in den USA auch für ein Label gearbeitet habe und selbst CDs aufgenommen bzw. in Bands gespielt habe und wusste wie man Platten macht.

Ich habe dann 2003 angefangen die erste Single der Hamburger Band THE DANCE INC. zu pressen und sie in den dortigen Plattenläden zu vertreiben. Nach und nach war dann immer mehr gute Musik am Start, die man veröffentlichen musste und ich habe mich darum gekümmert. So ist das alles mehr und mehr gewachsen, aus der eigenen Kraft was auf die Beine zu stellen ist jetzt zu meinem Job geworden.

EUROPOLITAN: Kannst Du mittlerweile davon leben?

LARS: Hmm, das ist eine gute Frage. Jein! Also vom Label alleine kann ich nicht leben.

Das ist eine lange Geschichte: Eigentlich habe ich eine Ausbildung als Erzieher und habe dabei vier Jahre jemanden betreut der im Rollstuhl sitzt und das damit verdiente Geld in das Plattenlabel gesteckt. Dann hat mich die Genossenschaft gekündigt und ich war dementsprechend arbeitslos; was mich dazu veranlasst hat, ein Konzept zur Existenzgründung zu verfassen dass das Label AUDIOLITH RECORDS mit dem Verlag AUDIOLITH PUBLISHING und mich selbst als Musiker, DJ und Veranstalter in Hamburg zusammenfasst. Außerdem biete ich auch noch andere Services für Labels an, wie zum Beispiel deren Platten auf meinem Account zu vertreiben und ich arbeite nebenbei noch als Fahrer und Runner für Werbeproduktionen. Also eine Mischkalkulation aus Label, Verlag und Musiker macht mein Gehalt aus ... was nicht viel ist. Es ist viel zu viel Arbeit für viel zu wenig Geld.

EUROPOLITAN: Hört sich so an.

LARS: Was jetzt nicht heißen soll dass es schlecht ist! Ich bin mein eigener Boss und ich kann dadurch machen auf was ich Bock habe. Ich agiere in einem Netzwerk von Freunden und wir haben es geschafft, über die sechs Jahre die es bereits das Label gibt, dass Leute davon leben können.

Aber die Bands selbst können eben nur davon leben wenn sie ständig touren, denn die Plattenverkäufe an sich werden immer weniger. Was sehr gut läuft ist Merchandise wie etwa Shirts. Manche von uns schreiben auch Bücher oder arbeiten bei einem Radiosender ... man kann ja auch nicht immer auf Tour sein.

EUROPOLITAN: Was bedeutet Dir AUDIOLITH?

LARS: AUDIOLITH ist für mich das Lebenswerk. Das soll aber nicht bedeuten, dass es meine Lebensaufgabe ist. Einen großen Stellenwert daran hat natürlich das Netzwerk das aus Freunden besteht, plus das was privat dahinter hängt.

Ich sag es mal so: Ich möchte meine Zeit, die ich für etwas aufwende das wenig einbringt, nicht mit Arschlöchern verbringen ... ich möchte das mit meinen Leuten - die ich cool finde, die ich meine Freunde schimpfen darf - machen. Mir liegt sehr viel daran, die Leute nicht auf Biegen und Brechen zu verheizen, deren Privatleben soll nicht mit aller Gewalt leiden. Ich sage ihnen immer dass sie sich ihre Energien einteilen sollen, denn je größer die ganze Sache wird, umso wichtiger ist es zu reflektieren was man eigentlich will und wo man Abstriche machen muss bzw. kann. Nichts ist schlimmer nach einer langen Tour nach Hause zu kommen und man hat Stress mit seinen Freunden und noch dazu kein Geld zum Leben.

EUROPOLITAN: Was ist Dir wichtig im Umgang mit ´Deinen´ Bands?

LARS: Dass wir auf Augenhöhe sind. Nicht nach oben buckeln und nach unten treten. Wir wollen eine Vision verfolgen und die auch den Fans und Familien präsentieren. Die einzelnen Bands sind auch keine Parallel-Universen. Man kennt sich untereinander, macht Remixe. Es läuft alles unter dem Dach AUDIOLITH, eine große WG.

EUROPOLITAN: Der Stellenwert von AUDIOLITH?

LARS: Wir machen das nicht des Geldes wegen. Klar müssen wir auch Geld verdienen. Nur sollte man auch den Aspekt des Kulturauftrags sehen. Viele Kids erleben ihre musikalische Sozialisation mit diesen Bands und deshalb ist sich jeder von uns darüber bewusst, was wir für einen Einfluss haben. Wir gehen damit nicht leichtfertig um, im Sinne von „wir spielen jetzt ein paar Jahre und danach machen wir es uns gemütlich auf einem Berg Kohle". Was ja eh nicht passiert. Wir ziehen eben unser Ding durch und können rückblickend sagen, dass wir uns nicht verkauft haben.

Ich will jetzt nicht über die großen Labels herziehen, aber es ist nun eben mal so dass sich 90% deren Sachen nicht verkaufen und nur von den 10% getragen werden, die in den Charts sind. So was widerstrebt mir. Bei uns sollen alle Bands gleichwertig gesehen werden. Wenn es gut läuft soll jede unserer Bands die Möglichkeit haben ihre Musik unters Volk zu bringen um davon die Miete zu bezahlen und mit dem Freund/der Freundin mal in den Urlaub zu fahren.

EUROPOLITAN: Musik unters Volk bringen. Was ist Dir wichtiger: Text oder Sound?

LARS: Zuallererst ist das natürlich mein persönlicher Geschmack. Egal ob musikalisch oder textlich. Und natürlich ob es gute Charaktere sind. Ob sie eine Vision und etwas zu sagen haben. Ob sie gut mit Leuten umgehen können und das Gesamtkonstrukt verstehen. Jedes Original, das in den Bands besteht, an das glaube ich, an die Power und wie sie in dem Netzwerk funktionieren.

Aber um noch mal auf Sound versus Text zurück zu kommen: Es gibt bei AUDIOLITH ganz grob gesehen zwei Richtungen. Die einen, wo es mehr um den Text geht, wie zum Beispiel CLICKCLICKDECKER dem die Fans an den Lippen hängen.

Auf der anderen Seite gibt es diesen Clubsound, wo es einen guten Beat gibt und getanzt werden soll. Was nicht heißt, dass sie keine Message transportieren. Gerade bei diesen Bands wird mir oft vorgeworfen, dass AUDIOLITH ein Trash-Label sei wo die Texte nur Blabla sind. Denen sage ich aber dass sie doch mal genauer hinhören und sich damit auseinander setzen sollten. Viele Texte der Bands lassen genug Freiraum zum Interpretieren.

EUROPOLITAN: Wen denkst Du sprecht Ihr an?

LARS: Das sind die verschiedensten Leute. Seien es die Raver, die Punks, die Indie-Kids oder die Stinknormalos. Eben die verschiedensten Subkulturen. Es geht uns auf jeden Fall darum, uns politisch zu positionieren und zu konstatieren dass einige Sachen mehr als nur falsch laufen. Auch wenn das im Feier-Kontext manchmal bei dem ein oder anderen untergeht. Aber Leute die auf unsere Konzerte gehen, sollen auch nachdenken und etwas mit nach Hause nehmen.

EUROPOLITAN: Das war wahrscheinlich auch Euer Anliegen als Ihr auf der Demo gegen den NPD-Aufmarsch in Dresden wart.

LARS: Genau das! Das war mit 8000 Faschos wahrscheinlich der größte Aufmarsch. Mit EGOTRONIC und FRITTENBUDE bei der ANTIFA-Kundgebung. So etwas, also 8000 Nazis, das geht halt gar nicht!

Viele Leute unterstellen durch solche Aktionen dem Label AUDIOLITH auch, dass wir anti-deutsch wären. Ich denke mir da nur „hey Leute, macht doch eure Schublade etwas weiter auf und versucht über den Tellerrand zu sehen". Menschen neigen leider dazu in Extremen zu denken.

EUROPOLITAN: Hast Du irgendwelche Traum-Signings?

LARS: Habe ich nicht. Wirklich nicht! Ich bin auch kein klassischer A&R, der durch die Gegend schwirrt und nach neuen Signings sucht. Ich denke, dass in dem Netzwerk das wir über Jahre geschaffen haben, so viele Leute sind die guten Sound am Start haben mit denen ich noch viel vor habe. Denen ich eben alle Kraft und Energie widme um sie noch weiter auf zu bauen. Der Sinn mit dem ganzen Netzwerk liegt darin, die Leute die ich kenne weiter zu unterstützen. FRITTENBUDE sind mit ihrem ersten Album draußen, CLICKCLICKDEKKER mit dem Dritten. Es stellt sich so ein Turnus ein, es wechselt sich immer ab.

Natürlich kriege ich auch Demos zugeschickt, aber das ist immer so eine Sache. Schickt mir lieber einfach einen Link.

Klar lernt man auch Leute kennen, die einmal einen Remix für eine Band gemacht oder die mit einer Band von AUDIOLITH aufgetreten sind. Man trifft sich dann auch mit denen und schaut wie sie so drauf sind. Es muss halt einfach stimmen.

Ich will damit nur sagen, dass ich nicht konstant auf der Suche bin.

EUROPOLITAN: Wo liegen Deine musikalischen Wurzeln?

LARS: Also eigentlich wurde ich von meinem Vater musikalisch sozialisiert. Er hat mir mal eine Gitarre geschenkt. Ich spielte dann in einer Oi-Punk-Band. Danach gings in die USA und ich habe mich mit Hardcore beschäftigt. Schluss endlich kamen dann die Computer und die Leute haben angefangen ihre Sachen zu Hause aufzunehmen. Wie zum Beispiel DER TANTE RENATE, der eigentlich aus einer völlig anderen Richtung kommt.

Man hat sich den Einflüssen immer mehr geöffnet.

Gerade so Bands wie BRATZE und EGOTRONIC. Diese Musik ist sehr Punk-sozialisiert, kommt also nicht aus dem Techno. Ich habe keine Ahnung von Techno oder elektronischer Musik. Ok, ich kenne KRAFTWERK, aber kenne mich in Bezug auf Techno nicht wirklich aus. Man sagt halt „AUDIOLITH machen Techno für Leute die keinen Techno mögen".

 

Oder wie er es noch gerne ausdrückt: „Doin´our Thing!". Was auch der Titel ihres letzten Samplers - einer Compilation mit vielen hausgemachten (meist bis dato unveröffentlichten) Tracks auf CD und Videos auf DVD - ist.

Genauso lautete auch das Motto zu den Feiern quer durch Deutschland, die ab Ende November letzten Jahres stattgefunden haben und mit viel gefeierten Acts des Labels die Hallen zum Tanzen und Nachdenken gebracht haben. Zu erwähnen ist noch, dass die Partys alle ausverkauft waren.

Um einen Eindruck zu bekommen, seien folgende Links zu brandneuen Tracks ans Ohr gelegt:

Juri Gagarin - Wet Dreams (Elvis Creep Remix)
http://soundcloud.com/audiolith/juri-gagarin-wet-dreams-elvis-creep-remix/download

Frittenbude vs. Die Sterne - Nach Fest kommt Fest
http://soundcloud.com/audiolith/frittenbude-vs-die-sterne-nach-fest-kommt-fest/download

Frittenbude vs. We Are Enfant Terrible - Steven Seagull
http://soundcloud.com/audiolith/frittenbude-vs-we-are-enfant-terrible-steven-seagull/download

Die genauen Termine und Locations zu weiteren Feiern, sowie viele gratis mp3s, kann man der Homepage www.audiolith.net entnehmen.

Lars Lewerenz hat es sich nicht nehmen lassen und ein Labelpaket geschnürt, das wir an dieser Stelle verlosen wollen. Zu beantworten ist nur die folgende Frage: Welchem Film ist das Sprachsample am Anfang von EGOTRONICs Track „Kotzen" entnommen?

Eine Mail mit der richtigen Antwort einfach an audiopolitan@hotmail.de schicken. Der oder die Gewinnerin wird benachrichtigt.

 

Das Interview wurde geführt und bearbeitet von Michael Meier.

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