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BRATZE im Interview - Elektrogespann gibt Denkanstöße

19.06.2010EINE PERFEKTE SYMBIOSE

BRATZE im Interview - Elektrogespann gibt Denkanstöße

Hand in Hand stehen Kevin Hamann und Norman Kolodziej zusammen auf dem Cover ihres neuen Release ‚Korrektur nach unten & die Notwendigkeit einer Übersetzung’. Ein Bild das im ersten Augenblick nicht so recht passen will, vergleicht man ihre jeweiligen Bands: Der Eine Singer/Songwriter, der Andere Soundtüftler an Kaoss Pad und Keyboard. Und doch bilden sie - musikalisch wie auch rhetorisch - eine perfekte Symbiose. EUROPOLITAN sprach mit BRATZE vor ihrem ausverkauften Münchner Konzert.

EUROPOLITAN: Wer ist dieser in dem Track ‚Menschen im Minus' besungene Uwe?

KEVIN: Uwe ist alles und nichts. Es gibt sicherlich viele Bilder die jeder von uns im Kopf hat, wenn er an einen Uwe denkt.

EUROPOLITAN: Norman, bei DER TANTE RENATE Liedern kommen fast keine Lyrics vor. Ist es schwer für Dich Text in Songs von BRATZE unterzubringen?

NORMAN: Nö, gar nicht. Beim Produzieren ist es halt dann so, dass man mehr Platz lässt für die Stimme. Naja, bei DER TANTE RENATE verhält es sich so, dass ich nicht gut mit Texten umgehen kann ... ich mach dann schon so ein bisschen Text, aber die sind dann eben stumpf und platt, einfach nur um etwas zu haben, dass einen an menschliche Stimmen erinnert. Das ist für mich aber kein Prinzip. Ich finde es gut dass wir Texte haben. Außerdem finde ich die Texte auch sehr gut!

EUROPOLITAN: Findest Du es schwierig Dich bei BRATZE textlich zu reduzieren Kevin?

KEVIN: Überhaupt nicht! Ich muss mich da auch nicht reduzieren. Eigentlich ist es genau umgekehrt: Ich kann mich bei BRATZE viel mehr ausleben weil es nicht so ich-bezogen ist. Bei meinen Solosachen ist es eben so, dass ich da keine Rolle spielen muss, im Gegensatz dazu kann ich bei BRATZE weiter fächern und ganz andere Dinge zeichnen, also noch mehr Phrasen nutzen und dreschen.

EUROPOLITAN: Wie entsteht ein typischer BRATZE-Song? Schickt Ihr Dateien hin und her oder habt Ihr auch Jamsessions?

NORMAN: Ich glaube wir haben alles Mögliche schon mal gemacht. Egal ob wir anfänglich Skizzen einander geschickt oder zusammen bei Null angefangen haben. Aber die meiste Zeit läuft es so ab, dass wir eine Idee haben, zum Beispiel ein Beat, und wir basteln dann so lange daran herum bis es uns gefällt. Das entwickelt sich alles irgendwie von selbst, also ein fließender Prozess. Klar entwickelt es sich dann manchmal in die falsche Richtung.

KEVIN: Das ist wie bei einer Probe. Also wir proben ja nicht im eigentlichen Sinn. Das soll heißen dass wir uns nicht mit unseren Gitarren in einen Proberaum einschließen. Wir treffen uns hauptsächlich ‚nur' zum Produzieren. Meistens treffen wir uns gegen 12 bei Norman, gehen Bier kaufen und überlegen uns beim Zurückgehen was wir machen wollen.

NORMAN: Und meistens klappt das auch ganz gut. Manchmal natürlich auch nicht. Dann haben wir so ‚Gerüst-Leichen' die wir schnellstmöglich löschen sollten.

EUROPOLITAN: Denkt Ihr dass erst durch BRATZE viele Hörer auf Eure anderen Bands aufmerksam geworden sind?

KEVIN: Keine Ahnung, wirklich nicht. Es gibt ja viele verschlungene Wege um Neues zu entdecken.

EUROPOLITAN: Ihr habt also nicht anhand der Verkaufszahlen gemerkt, dass sich seit dem Bestehen von BRATZE auch Eure anderen Bands besser verkaufen.

NORMAN: Nö, wir haben auch keine Ahnung von den Verkaufszahlen. Kein Plan.

EUROPOLITAN: Warum habt Ihr bei diesem Album zum ersten mal ein Booklet beigelegt?

KEVIN: Hmm, die erste Platte war eh ganz anders als die zweite, ist sie ja immer. Und beim ersten mal haben wir nicht daran gedacht. Keine Ahnung, warum eigentlich?

NORMAN: Ich habe nicht die geringste Ahnung.

KEVIN: Also nur bei der LP waren sie mit abgedruckt weil es schnell gehen musste, glaub ich. Außerdem standen sie auch auf unserer Homepage. Bei CLICKCLICKDECKER-Alben sind sie auch mit abgedruckt ... ich finde das schon wichtig.

NORMAN: Naja, man versteht sie auch so ganz gut ohne Booklet.

EUROPOLITAN: Wie kommt das neue Album live an?

KEVIN: Komischerweise recht gut. Es vermischt sich einwandfrei mit den älteren Sachen. Natürlich kennen die meisten Leute eher die älteren Tracks, aber die neuen kommen ziemlich gut an.

NORMAN: Gerade die tanzbaren Sachen. Sowohl alt und neu passen sehr gut zueinander. Wir mussten uns nicht lange hinsetzen um sie in unsere Setlist zu integrieren. Passt alles wunderbar. Aber wir haben auch schon ein paar Sachen ausprobiert, die nicht so gut funktioniert haben; das war aber auch schon so beim letzten Album: Wir dachten der eine besondere Track ist der Beste überhaupt ... und der ist dann live total abgekackt.

KEVIN: Viele Leute sprechen uns auf ‚Das einfache Fluten' an. Der Track ist live aber so was von langweilig. Ich müsste da nur den Text runterrappeln und Norman würde nur ein bisschen auf der Klaviatur rumdrücken.

NORMAN: Das haben wir einmal versucht. Es war katastrophal!

KEVIN: Deshalb haben wir ihn auch gleich rausgeschmissen, das machte einfach keinen Spaß.

EUROPOLITAN: Am Ende des Musikvideos von ‚D.U.T.T. Royal' performt Ihr einen kleinen Teil des Liedes akustisch. Könnte man das Eurer Meinung nach öfter machen?

KEVIN: Oh, das war absoluter Zufall. Nach dem Dreh stand das Piano noch da und wir suchten nach einem Abschluss. War also eine sehr spontane Sache.

NORMAN: Ich glaube nicht dass unsere Tracks akustisch sehr gut rüber kommen würden. Eher als Orchester-Version.

KEVIN: Also ich finde das gar nicht mal so eine schlechte Idee. Eigentlich finde ich das gut, sollten wir ins Auge fassen.

EUROPOLITAN: Ihr habt ja beide Wurzeln im Hardcore. Welche Art von Hardcore habt Ihr gehört? DC oder Ruhrpott Hardcore?

KEVIN: Bremen Hardcore. Auch gerne Normans frühere Band. Oder auch GORILLA BISCUITS.

NORMAN: Ja, aber ich konnte irgendwann mit diesem ganzen Szenegehabe nichts mehr anfangen. Oft wurde gekuckt ob jemand einen Ledergürtel hatte und dann wurde gesagt „der is' ja gar nicht mehr vegan und der trinkt" und bla bla bla. Oft habe ich mich dann so abgeschossen weil ich keine Lust hatte auf den ganzen Kram.

KEVIN: Das war die totale Lagerspaltung und alle hielten sich für so elitär.

NORMAN: Echt menschenfeindlich, grauenhaft!

EUROPOLITAN: Wollt Ihr eine gewisse Message an die Hörer Eurer Musik rüberbringen?

KEVIN: Nö, wieso?

EUROPOLITAN: Ich meine dass Ihr es an der Zeit findet, etwas vermitteln zu wollen im Gegensatz zu Bands wie den ATZEN die nur übers Partymachen singen?

KEVIN: Hmmm, Mainstream war ja schon immer so. Wenn die übers Partymachen singen und sich das Leute anhören soll mir das recht sein. Was ich gut finde ist dass sich zum Beispiel das neue TOCOTRONIC Album sehr gut verkauft.

NORMAN: Wir wollen jetzt auch keine Message an sich jemandem aufdrücken. Wir wollen niemandem sagen „macht das" oder „das ist so und so".

KEVIN: Nein, überhaupt nicht. Das wäre sehr anmaßend. Wenn das Wochenende vom Ottnormalverbraucher darin besteht, sich abzuschießen und „Atze, Atze, Atze, Party, Party, Party" zu schreien und das für ihn das höchste der Gefühle ist, ist das für mich ok. Wenn der Horizont nicht weiter reicht dann ist das halt so. Es liegt auch nicht an mir das zu ändern, das kann derjenige nur selbst wenn er es denn will.

EUROPOLITAN: Also mehr Denkanstöße geben?

KEVIN: Ja, klar. Genau das ist der Punkt: Anstöße geben. Wir wollen keinem eine Meinung aufdrücken. Wir können nur versuchen die Leute zu erreichen, deshalb machen wir Platten und deshalb touren wir, um präsent zu sein. Um zu zeigen dass es noch was anderes gibt neben der ATZE und wenn Du Bock hast komm zu unseren Konzerten. Deshalb sind die Texte auch so kodiert.

Später am Abend stellen die beiden dann unter Beweis, dass die neuen Songs live den alten in nichts nachstehen. Sie liefern ein 90 minütiges Set das weder Fragen noch Wünsche aber Münder offen stehen lässt. Und man kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass sie auch gerne in der tobenden Menge stehen würden.

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Das Interview wurde geführt und bearbeitet von Michael Meier.

 

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