Die Industriellenfamilie Quandt zählt zu den reichsten und mächtigsten Unternehmerdynastien Deutschlands. Bisher war wenig über ihre Familien- und Wirtschaftsgeschichte bekannt. Mit den Ausstrahlungen des Dokumentarfilms „Das Schweigen...
Die Industriellenfamilie Quandt zählt zu den reichsten und mächtigsten Unternehmerdynastien Deutschlands. Bisher war wenig über ihre Familien- und Wirtschaftsgeschichte bekannt. Mit den Ausstrahlungen des Dokumentarfilms „Das Schweigen der Quandts“ von Eric Friedler und Barbara Siebert im NDR Ende September und am 22. November dürfte sich das schlagartig geändert haben.
Der Film dreht sich um den ehemaligen Patron Günther Quandt und dessen Sohn Herbert. Nach und nach enthüllen Friedler und Siebert die Herkunft des immensen Vermögens der Unternehmerfamilie. Ausbeutung, Zwangsarbeit und nationalsozialistisches Unrecht verhalfen demnach den Quandts zu ihrem Vermögen.
Zeitzeugen berichten in der TV-Dokumentation von den Qualen, die sie als Zwangarbeiter erleiden mussten. „Sie reagierten hart und arrogant. Sie haben uns gedemütigt“, berichtete Carl-Adolf Soerensen, der 1944 und 1945 in einem KZ in Hannover-Stöcken inhaftiert und Zwangsarbeiter in der angegliederten Batteriefabrik AFA, später Varta, der Quandts war. „Immer wenn ich träume, bin ich hier im Lager“, sagte der 82-Jährige. „Das bleibt, solange ich lebe.“
Wie auch der Däne beschäftigten die verschiedenen Quandtsche Konzerne Fremd- und Zwangsarbeiter aus den umliegenden KZs. Franzosen, Russen, Polen oder Italiener mussten in den verschiedenen AFA-Fabriken, in der Tochterfirma Pertrix oder in der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) unter schwersten Bedingungen arbeiten.
„Braunes“ und mit Blut der Zwangsarbeiter besudeltes Geld häuften so die Quandts an. Nutznießer des NS-Regimes und des Krieges waren sie, heißt es in der NDR-Dokumentation. Das sind schwere Vorwürfe. Aber auch andere Aspekte sollten hier berücksichtigt werden.
Gewiss profitierten die Quandts vom Krieg. Aber ihr Vermögen konnten sie bereits zu Zeiten der Weimarer Republik akkumulieren. Sie passten sich den Gegebenheiten der Zeit an, wenn auch skrupellos. „Vorstellbar ist, dass diese Unternehmerfamilie ihre heutige Stellung auch dann erreicht hätte, wenn auf die Weimarer Republik die Bundesrepublik gefolgt wäre“, schreibt Quandt-Biograph Rüdiger Jungbluth in der ‚Zeit’.
Zudem stammen wohl die größten Teile des heutigen Vermögens aus den Beteiligungen an BMW (aktuell bei 46,6 Prozent) sowie an dem Pharmakonzern Altana.
Die Einstellung von Zwangarbeitern erfolgte erst im Jahre 1943 nach dem dritten Anlauf der SS.
Ein weiterer Vorwurf ist eine vernachlässigte Entnazifizierung, bei der Quandt als „Mitläufer“ eingestuft wurde. Zudem klagten die Amerikaner Quandt nicht bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen an. Die Begründung klingt simpel: „Er hatte Glück, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, entzog sich so der Gerechtigkeit“, so Benjamin Ferencz.
Fakt ist aber, dass sich Quandt nach Kriegsende in Leutstetten am Starnberger See und damit in der amerikanischen Besatzungszone aufhielt. Am 18. Juli 1946 wurde er sogar auf Anordnung der US-Militärregierung verhaftet und für eineinhalb Jahre im Lager Moosburg inhaftiert. Bezüglich des ausgebliebenen Nürnberger Prozesses konstatiert Ferencz: „Quandt entkam der Gerechtigkeit - wie so viele Kriminelle.“
Nach der Ausstrahlung der Dokumentation bezogen die Familienmitglieder Susanne Klatten, Gabriele Quandt-Langenscheidt, Sven und Stefan Quandt Stellung. Die Vorwürfe hätten sie sehr „bewegt“. Sie räumten ein: „Wir erkennen, dass die Jahre 1933 bis 1945 in unserer Geschichte als deutsche Unternehmerfamilie noch nicht ausreichend aufgearbeitet sind. Wir sind uns als Familie einig, dass wir mit diesem Teil unserer Geschichte offen und verantwortungsvoll umgehen wollen.“
Familie Quandt beabsichtigt nun die wissenschaftliche Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit. Bis dahin wird das Schweigen der Quandts wohl noch andauern. (sw)