Reden wir über Fussball. Auf den Punkt hat es der ehemalige argentinische Weltmeister von ‘86, Jorge Valdano, gebracht: „Klinsmann wusste schon 2006 den Spielern einen Sinn von Freude und Abenteuer zu vermitteln.“ Freude und Abenteuer - genau das war die differentia specifica des FC Klinsmann, die bis in die heutige Zeit nachhallt.
Selbstzweifel bis hin zur Verzweiflung hatten sich damals über den deutschen Fußball gelegt. Und je tiefer der Fußball in der kollektiven Wahrnehmung in die Krise schlitterte, desto mehr glichen sich die Rezepte zur Wiedererlangung alter Stärke innerhalb des Fußballplatzes, wie außerhalb, in der dauerkrisengeschüttelten
Reformbaustelle BRD.
FC Deutschland und Deutschland GmbH - zwischen Abstiegskandidat und Krisenruine. Doch beim Fußball ist es wie bei einem gesellschaftlichen Ball (Opernball zum Beispiel): Bei einem Ball begegnen sich die alte und die neue Gesellschaft zu einem grandiosen Totentanz.
Zurzeit der Fußball WM machen wir alle die verblüffende Erfahrung, dass die Deutung der Dinge, die auf dem Rasen geschehen, geradezu osmotisch mit anderen Arenen des kollektiven Erlebens zu verschmelzen scheint. Der Gedanke ist fast mit Händen zu greifen, dass der Verlauf der WM und das Abschneiden des deutschen Teams nicht nur als ein Orakel sondern geradezu als ein emotionales Modell für den Umgang mit und für Wege aus der Krise dienen möge. Lassen sich solche Parallelen rationalisieren? Die beratene öffentliche Meinung
bildet sich stets schneller, als die Politik in der Lage ist Entscheidungen abzuarbeiten.
Einen Ausweg aus der Lähmung durch Experten gibt es nicht, weil man eben nicht keine Sicherheit wünschen kann. Der Spiegel der Kultur und damit sind wir auch schon mittendrin im Spiegelkabinett der Deutungsansätze, die den Fußball als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse sehen wollen. Wie auch immer der Ball, ähm Fall, liegen mag, eine gewisse Durchlässigkeit der auf das Spiel und die „außerspielerische Realität" bezogenen Deutungshorizonte wird man nicht bestreiten können.
Schließlich steht man damit auch auf erkenntnistheoretisch sicherem Fundament: Dass es „keinen uninterpretierten Zugriff auf die Wirklichkeit gibt" gehört nun schon seit einem halben Jahrhundert zu den Einsichten zumindest der Linguisten. Daher kann es folglich kaum überraschen, dass der Mensch in der Kommunikation über ein allseits geschätztes Massenereignis nicht komplett andere Kategorien benutzt,
als für seine restliche Wahrnehmung.
Überhaupt war in den vergangenen Jahren ein allseitiges Bemühen zu beobachten, das Phänomen Fußball zu intellektualisieren. Wo es soviel Wertschätzung gibt, so die These, da muss es sich um Muster handeln, welche tief in den archaischen Bewusstseinsschichten des Menschen verankert sind und im Fußball symbolisch zum Ausdruck kommen. Mit dem gesamten Inventar und Personal global verfügbarer Mythologien und avancierter
kulturtheoretischer Deutungsansätze ist man dem Spiel zu Leibe gerückt. Theorien von Ersatzreligion wurden ebenso zum Vortrag gebracht, wie dessen Einordnung in die jüngere Sozial- und Kapitalismusgeschichte der Industrienationen.
Bei alledem muss es natürlich verwundern, dass damals wie heute das Werk eines Denkers in der Schar der Deutungsversuche fehlte, der wie kein zweiter das Wesen der deutschen Philosophie im Ausland verkörpert. Gemeint ist Martin Heidegger, der Begründer des Existenzialismus. Und nur im Fall, des aufs Ursprungsdenken fixierten Heideggers, für den die Verfallsgeschichte des abendländischen Denkens bereits mit Sokrates einsetzte, werden wir fündig, wenn wir die Grundtatbestände, oder besser Existenzialien des Fußballs
dechiffrieren wollen: Spieler - Ball - Tor, oder: der Ball als sich-vorweg-sein.
Im Verhältnis des Spielers zum Ball kommt ein existentielles Grundverhältnis zum Ausdruck, das bei Heidegger mit dem Phänomen der Sorge umschrieben ist. Die Sorge beschreibt er als ein „sich- vorweg-sein". Der Mensch ist nie einfach nur da, sondern sich zugleich immer schon selbst vorweg, indem er sich auf seine Möglichkeiten hin entwirft; sich um sich sorgt.
Vom Standpunkt des Verstandes ist der Mensch also immer zweifach. Stets seinem Entwurf von sich selbst nachjagend. Hierfür könnte es keine bessere Veranschaulichung geben, als das Verhältnis des Fussballpielers zum Ball. Der Ball verhält sich zum Körper grundsätzlich auf eine Weise, die es nicht erlaubt ihn in Besitz zu nehmen. Der Fussballspieler kann ihn bestenfalls in die eigene Regie nehmen, ihn vor sich hertreiben oder jemand Anderem zuspielen. Der Ball ist dem Spieler also immer schon vorweg, wie die Sorge um sich selbst.
Und das teilt der Fußball mit allen anderen Ballsport- und/oder Spielarten.
Der Mensch als Hirte des Balls
Bleiben wir für einen Moment bei diesem Gedanken und nehmen den Ball als Metapher für das, woraufhin der Mensch sich stets entwirft und das er daher niemals selbst sein kann. Vielmehr ist der Mensch der „Hirte des Seins" wie es Heidegger an anderer Stelle ausdrückt. Diese Zuschreibung mag das ballverliebte Spiel vieler Fußballnationen erklären, denen es bisweilen wichtiger zu sein scheint, das Kombinationsspiel und die
Artistik im Umgang mit dem Ball vorzuführen, als ein Tor zu erzielen. Wir denken uns Ronaldinho als den gutmütigen Schäfer, der über seine Bälle wacht oder Schweinsteiger, der einsame Schafhirte, dessen Ziel (Telos) immer, das Tor ist. Das Tor und das Nichts.
Das Tor, also das Ziel wiederum stellt zunächst jene Utopie einer Vollendung im Diesseits dar, welche Menschen grundsätzlich verwehrt bleibt. Es gibt kein Ballspiel, bei dem die zählbaren Ereignisse so schwer und so selten geschehen wie beim Fußball.
Wieder finden wir den Hinweis hierfür bei Heidegger: Im „eitlen" Nach-Vorne- Spielen des Balls birgt das Spiel die Möglichkeit des Verflachens, des Abgleitens in die Uneigentlichkeit. Insofern nämlich die Sorge im sich-vorweg- sein zwar der ständige Stachel des Weitermachens ist, aber das Ganze Dasein sich nur im Phänomen der Angst erschließt. Erst diese und namentlich die Angst vorm Tor, so Heidegger, ruft den Beteiligten die volle Bedeutung dessen ins Bewusstsein, worum es eigentlich geht.
Erst in der Bedrohung durch das Tor, also dem Ziel, wird der Ball in seinem vollen Bedeutungspotential erfasst und in Erinnerung gebracht, wie auch der Mensch sein Dasein nur dann wirklich erfasst, wenn er mit dessen Ende konfrontiert ist. Ein Begreifen des Ganzen ist also nur möglich, wenn es buchstäblich um Alles geht. An dieser Schwelle zum Nichts ist der Spieler folglich der Einzige, der den Ball, das Spiel schlussendlich in
die Hand nehmen und das Ganze Sein begreifen kann.
WÖRTERBERG:
Ein Ganzes beinhaltet immer einen Anfang, ein Mitte und ein Ende - sonst wär's kein Ganzes.